3 Länder protestieren – die Schweiz schweigt

Latvia Head Coach Harijs Vitolins,  IIHF World Championship 2026 HUN - LAT, Swiss Life Arena, Zürich | Quelle: © Puckfans.at / Andreas Robanser

Während an der Eishockey-Weltmeisterschaft die Medaillenentscheidungen näher rücken, entwickelt sich hinter den Kulissen des Weltverbands IIHF eine Geschichte, die weit über das Sportliche hinausgeht. Es geht um Belarus, um Litauen, Lettland und die Ukraine. Und es geht um die Frage, weshalb Swiss Ice Hockey zu all dem auffallend still bleibt.

Die IIHF hat entschieden, Belarus in verschiedenen Nachwuchs- und Frauenturnieren wieder zuzulassen. Die Folgen liessen nicht lange auf sich warten. Die Ukraine protestiert. Litauen zieht Konsequenzen. Lettland verweist auf seine nationale Gesetzgebung und macht deutlich, dass Spiele gegen Belarus nicht einfach als normale Sportveranstaltungen betrachtet werden können.

Damit tritt genau das ein, was absehbar war. Die Belarus-Frage verschwindet nicht einfach, nur weil ein Weltverband sie sportlich neu einordnet. Sie bleibt politisch, moralisch und organisatorisch brisant.

Besonders heikel ist die Sache aus Schweizer Sicht. Denn die Schweizer U18-Nationalmannschaft ist direkt betroffen. Sie hat sich ihren Platz sportlich verdient. Sollte Belarus nun wieder in die höchste Kategorie integriert werden, stellt sich zwangsläufig die Frage, wer dafür bezahlen soll. Wenn am Ende ausgerechnet die Schweiz verdrängt oder benachteiligt wird, dann geht es nicht mehr um eine abstrakte IIHF-Entscheidung. Dann geht es um den Schweizer Nachwuchs.

Genau hier liegt der Kern des Problems. Nicht Belarus allein. Nicht Russland allein. Sondern die Glaubwürdigkeit des sportlichen Systems. Wer aufsteigt, soll aufsteigen. Wer absteigt, soll absteigen. Wer ausgeschlossen ist, verliert seinen Platz. Das waren bislang die Regeln. Wer diese Regeln verändert, muss erklären können, weshalb. Und genau diese Erklärung bleibt die IIHF schuldig.

Noch spannender wird die Geschichte beim Blick auf die Machtverhältnisse innerhalb des Weltverbands. IIHF-Präsident Luc Tardif wird im Herbst abtreten. Gleichzeitig laufen die Positionskämpfe für die kommende Machtverteilung auf Hochtouren. Die NZZ berichtete diese Woche ausführlich über die Auseinandersetzungen rund um die Schweizer Vertretung im IIHF-Council. Dabei fällt auch der Name Aiwas Omorkanow aus Kirgistan, der sich laut NZZ für die Nachfolge Tardifs in Stellung bringt.

Natürlich bedeutet das nicht automatisch etwas. Und nein: Es gibt derzeit keinen Beleg dafür, dass die Belarus-Entscheidung Teil eines politischen Deals war. Wer etwas anderes behauptet, verlässt den Boden der Fakten. Aber genau dort beginnt die journalistisch interessante Frage: Warum fällt die Öffnung gegenüber Belarus ausgerechnet jetzt? Warum erfolgt sie in einer Phase, in der innerhalb der IIHF um Macht, Einfluss und Stimmen gerungen wird? Und weshalb scheint man bereit zu sein, dafür erhebliche politische Spannungen in Kauf zu nehmen?

Das sind Fragen. Keine Antworten. Aber genau solche Fragen müssen gestellt werden. Denn Sportpolitik funktioniert nicht anders als Politik. Es gibt Mehrheiten, Netzwerke, Interessen und Entscheidungen, die selten im luftleeren Raum entstehen. Wer glaubt, internationale Sportverbände seien frei von Machtpolitik, hat die letzten Jahrzehnte nicht aufgepasst. Man muss nur einen Blick auf FIFA, IOC oder die Geschichte des Amateurboxens werfen, um zu erkennen, wie intensiv dort um Einfluss gerungen wurde und wird. Die IIHF ist keine Ausnahme.

Umso wichtiger wäre es, dass Swiss Ice Hockey endlich Stellung bezieht. Die Schweiz ist nicht irgendein Zuschauer. Die Schweiz ist Gastgeber der laufenden WM. Die Schweiz ist direkt betroffen. Die Schweiz verfügt mit Raeto Raffainer, Peter Zahner und weiteren Exponenten über Personen, die im internationalen Eishockey eine Rolle spielen oder spielen wollen.

Deshalb stellt sich eine einfache Frage: Wo steht Swiss Ice Hockey?

Unterstützt der Verband die Rückkehr von Belarus? Lehnt er sie ab? Welche Konsequenzen erwartet man für die Schweizer U18? Hat man bei der IIHF interveniert? Hat man protestiert? Oder nimmt man einfach hin, dass sportlich erkämpfte Schweizer Positionen durch einen administrativen Entscheid des Weltverbands unter Druck geraten?

Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Antworten.

Denn eines ist inzwischen offensichtlich: Die Belarus-Frage ist kein Randthema mehr. Mit Litauen, Lettland und der Ukraine wächst der Widerstand. Je mehr Verbände öffentlich Position beziehen, desto auffälliger wird das Schweigen der Schweiz.

Vielleicht gibt es gute Gründe dafür. Vielleicht arbeitet man hinter den Kulissen. Vielleicht will man zunächst Gespräche führen. Alles möglich.

Aber Schweigen ersetzt keine Position.

Und wenn drei Länder protestieren, während die Schweiz direkt betroffen ist, dann reicht es nicht, einfach abzuwarten. Dann muss Swiss Ice Hockey erklären, wo es steht.

Nicht morgen. Nicht irgendwann nach der WM. Sondern jetzt.