Alain Nasreddine als Mister X beim SC Bern?

lapress | Quelle: Lapress Montreal

Alain Nasreddine als Mister X beim SC Bern?

Wenn alle anderen schon wieder die immer gleichen Namen im Kreis drehen, während man selbst leicht schräg, leicht nervig und für manche vermutlich leicht anstrengend in eine ganz andere Richtung denkt. Oder, freundlicher formuliert: ausserhalb der Box.

Genau das habe ich Anfang Oktober 2025 gemacht. Nicht, weil ich hellsehen kann. Nicht, weil ich geheime Telefonnummern in die NHL habe. Und schon gar nicht, weil ich morgens mit einem Kaffeelöffel Weissagung im Müesli aufstehe.

Sondern weil ich nach der Entlassung von Jussi Tapola versucht habe, die Lage beim SC Bern nicht bloss emotional, sondern strukturell zu lesen. Und siehe da: Ein halbes Jahr später wirkt manches, was damals noch nach Spinnerei klang, plötzlich erstaunlich weniger spinnert.

Wohin will der SC Bern in Zukunft steuern?

Am Anfang stand nicht der Trainername, sondern die Frage: Was will dieser Klub eigentlich?

Mein erster Gedanke am 1. Oktober 2025 war nicht: Wer wird neuer Trainer? Mein erster Gedanke war viel banaler und viel unbequemer:

  1. Wohin will der SC Bern überhaupt?
  2. Will dieser Klub weiter im bequemen Mittelmass herumwaten?
  3. Will er einen echten Strukturbruch?
  4. Oder will er einfach weiterhin so tun, als sei alles nur ein kleiner Betriebsunfall im Bärenkäfig, während die gleiche Trägheit munter weiterwurstelt?

Anders gesagt: Bevor man an der Bande wieder einen Namen auf das Türschild klebt, müsste man zuerst klären, ob man intern endlich bereit ist, gewisse Gewohnheiten, gewisse Sicherheiten und vielleicht auch gewisse Spielerrollen zu hinterfragen.

Denn mein damaliger Punkt war nicht: „Tapola raus und alles wird gut.“

Mein Punkt war eher: Wenn die Spieler nicht bereit sind, sich selbst zu fragen, ob sie für diesen Klub wirklich alles geben wollen, dann löst auch der nächste Trainer nicht das Grundproblem.

Inzwischen scheint man sich in Bern dieser Lage durchaus bewusst zu sein. Es kursieren Hinweise, dass sich auch im Kader etwas bewegt. Offiziell ist noch nicht alles bestätigt. Aber es wirkt nicht gerade so, als würde man einfach weitermachen wie bisher und hoffen, dass irgendwann zufällig wieder ein Meisterbanner vom Himmel fällt.

Zwei Tage später ging mein Blick an die Bande – aber nicht in die übliche Richtung

Am 3. Oktober 2025 legte ich auf Facebook und LinkedIn nach. Nicht mit dem Reflexnamen-Karussell, das in der Schweiz bei jeder Trainerfrage zuverlässig angeworfen wird, sobald irgendwo ein Rauchmelder piepst. Also nicht wieder die üblichen Feuerwehrmänner, die gefühlt schon mit dem Schlauch vor der Garderobe stehen, sobald irgendwo ein Klub hustet.

Meine Frage war eine andere:

  1. Warum denkt der SC Bern nicht einmal unkonventionell?
  2. Warum schaut man nicht nach einem Trainer, der in der Schweiz noch nicht in jeder zweiten Gerüchtezeile durchgenudelt wurde?

Mein Wunschprofil eines Trainers für den SC Bern

Ich legte mir damals ein Profil zurecht. Für mich waren folgende Kriterien zentral:

  1. Erfahrung als Spieler oder Coach in Europa
  2. Erfahrung in der Arbeit mit jungen, entwicklungsfähigen Spielern
  3. Klare, harte, aber konsequente Linie gegenüber arrivierten Spielern
  4. Erfahrung mit Schweizer Spielern und/oder deren Umfeld
  5. Möglichst ein Alter irgendwo zwischen 35 und 45, allenfalls etwas darüber
  6. Idealerweise Headcoach-Erfahrung in der NHL, aber kein grosser Glamour-Name
  7. Bereitschaft, ein Team über mehrere Jahre umzubauen und nicht nur notdürftig zu flicken

Für mich war das damals kein Fantasieprofil, sondern das logischste Profil für einen Klub, der eigentlich nicht nur den nächsten Winter überleben, sondern strukturell neu aufgesetzt werden müsste.

Denn der SC Bern brauchte aus meiner Sicht nicht bloss einen neuen Chef an der Bande, sondern jemanden, der bereit wäre, einen Umbau zu moderieren, auszuhalten und notfalls auch durchzudrücken. Und aus diesem Profil kristallisierte sich damals ein Name heraus:

Alain Nasreddine.

Ich begründete das am 3. Oktober 2025 so:

Heute ist Ende April. Und plötzlich wirkt der Gedanke gar nicht mehr so absurd

Nun sind wir Ende April 2026, und der SC Bern hat seinen neuen Trainer noch immer nicht präsentiert. Man könnte sagen: unerquicklich. Ich sage: journalistisch praktisch. So lassen sich alte Gedanken noch einmal ausgraben, abstauben und prüfen, ob sie nur hübsch klangen oder ob etwas daran war.

Nicola Berger bringt Colliton ist Spiel

Nicola Berger von Nau bringt aktuell Jeremy Colliton ins Spiel und berichtet zugleich von einem weiteren, nicht genannten Kandidaten – also einem hübschen kleinen Mister X. Und genau hier wird die Sache interessant.

Jeremy Colliton ist auch im Rennen | Quelle: Texasstars

Denn wenn man Colliton anschaut und daneben das Profil hält, das ich mir im Oktober zurechtgelegt hatte, dann fällt etwas auf:

Colliton passt.

Und wenn Colliton passt, dann passen eben auch andere Namen auf derselben Achse.

Zum Beispiel Alain Nasreddine.

Oder auch Neil Graham von den Dallas Stars.

Plötzlich ist also nicht mehr die Frage, ob Alain Nasreddine damals ein schräger Name war.

Plötzlich ist die Frage eher:

Wenn Jeremy Colliton dieses Raster erfüllt, warum sollte Alain Nasreddine nicht Mister X sein? Drei Namen, ein Profil – und genau das macht die Sache spannend

Wenn ich den aktuellen Stand nüchtern herunterbreche, dann verdichtet sich die Sache aus meiner Sicht auf drei Namen:

  1. Jeremy Colliton
  2. Alain Nasreddine
  3. Neil Graham

Colliton ist dabei der offen genannte Name. Nasreddine und Graham wären die logischen Mister-X-Varianten.

Und das ist eben nicht einfach zufälliges Namedropping, sondern eine Profilfrage.

Oder doch Neil Graham? | Quelle: lapress

Denn alle drei bringen in unterschiedlicher Form genau jene Elemente mit, die ich bereits Anfang Oktober als relevant ansah:

  • Nordamerika-Erfahrung
  • modernes Coaching-Profil
  • Arbeit mit jungen Spielern
  • Anschlussfähigkeit an europäische bzw. schweizerische Kontexte
  • kein ausgelutschtes „wir nehmen halt wieder den Nächsten, der gerade frei ist“-Muster

Was mich besonders stutzig macht: die Zeitachse

Spannend ist für mich auch die Aussage von Martin Plüss, wonach man hoffe, den neuen Trainer Anfang bis Mitte Mai zu präsentieren. Daraus lassen sich mehrere Dinge lesen.

Möglichkeit 1: Colliton ist es doch

Jeremy Colliton ist nicht aus der Welt. Er ist öffentlich genannt, und es wäre unseriös, ihn einfach herauszuschreiben, nur damit meine alte Nasreddine-Spur hübscher aussieht. Das mache ich nicht. Sonst wäre das Ganze keine Analyse mehr, sondern Fanfiction mit Tastatur.

Aber:

Mit den New Jersey Devils ist Colliton nicht mehr in den Playoffs. Rein zeitlich müsste man also nicht zwingend bis Anfang oder Mitte Mai warten – ausser, es fehlen noch Vertragsdetails, Freigaben oder andere formelle Schritte. Das ist möglich. Aber eben nicht die einzige Lesart.

Möglichkeit 2: Es ist nicht Colliton

Wenn der zweite Kandidat aus dem Umfeld der Dallas Stars kommt, dann passt die Zeitachse plötzlich deutlich besser. Dallas steht noch in den Playoffs, die Serie kann sich ziehen, und dann ergibt das Kommunikationsfenster von Martin Plüss wieder deutlich mehr Sinn. In dieser Variante würden Nasreddine oder Graham logisch ins Bild rücken. Oder, zugespitzt formuliert: Dann wäre Mister X plötzlich gar nicht mehr so mysteriös, sondern einfach nur noch nicht offiziell ausgesprochen.

Und genau deshalb ist Alain Nasreddine für mich weiter ein ernstzunehmender Gedanke Ich behaupte nicht, dass Alain Nasreddine der neue SCB-Coach wird. Ich behaupte etwas Präziseres:

Was nun logisch sein könnte

Dass sein Profil schon am 3. Oktober 2025 logisch war – und heute, mit der aktuellen Suchrichtung, eher plausibler als lächerlicher wirkt.

Das ist ein Unterschied.

Denn ich hatte den Namen nicht im Nachhinein in eine neue Geschichte hineingelesen. Ich hatte ihn damals öffentlich genannt. Nicht als fixe Prognose, nicht als Insider-Info, sondern als logisch hergeleitete, unkonventionelle Möglichkeit.

Und genau das macht die Sache im Rückblick so interessant.

Was mich daran fast am meisten fasziniert:

Nicht einmal, ob es am Ende wirklich Nasreddine wird.

Sondern dass die damalige Denkrichtung offenbar näher am effektiven Suchprofil des SCB lag, als manche damals meinten.

Ja, ich wurde belächelt. Ja, das klang für einige vermutlich nach „Urs fliegt wieder auf eigener Flughöhe“. Ja, auch das kommt vor. Ich bin schliesslich nicht als Hüter des langweiligen Konsenses auf diese Welt losgelassen worden. Aber vielleicht war es eben doch nicht bloss Spinnerei. Vielleicht war es einfach ein früher Blick in den richtigen Korridor.

Fazit

Am 1. Oktober 2025 ging es für mich zuerst um die Grundfrage, ob der SC Bern überhaupt weiss, wohin er will. Am 3. Oktober 2025 ging es dann um das Profil eines Trainers, der zu einem echten Umbau passen könnte.

Und heute, Ende April 2026, ist genau dieses Profil plötzlich wieder auf dem Tisch.

Jeremy Colliton ist der offen genannte Name. Alain Nasreddine und Neil Graham sind die logischen Schatten hinter dem Vorhang. Ob Nasreddine tatsächlich Mister X ist, weiss ich nicht.

Noch nicht.

Aber wenn ich auf den 3. Oktober zurückblicke, dann denke ich mir: Vielleicht war der Gedanke von damals nicht so verrückt. Vielleicht war er nur seiner Zeit ein paar Monate voraus.

Und das wäre, zugegeben, für mein leicht schiefes, leicht hartnäckiges und gelegentlich etwas lästiges Hirn schon eine ziemlich hübsche Pointe.