Die Verurteilung von Patrick Fischer, die nachfolgende Berichterstattung und die Reaktionen von Verband, Medien und Umfeld hinterlassen einen schalen Nachgeschmack. Die zentrale Frage ist für mich deshalb nicht mehr, ob Patrick Fischer etwas falsch gemacht hat. Das hat er. Die interessantere Frage lautet: Welche Rolle spielen die verschiedenen Ebenen in diesem Fall – und was darf Journalismus, was soll er, und wo beginnt seine eigene Verantwortung? Und was hat das alles mit Ethik zu tun?
Ich bin seit 25 Jahren selbst im Journalismus tätig. Gerade im Sport ist oft eine feine Klinge nötig. Nicht alles, was man erfährt, muss sofort veröffentlicht werden. Und nicht jede persönliche Information ist automatisch schon eine Geschichte. Mein eigener Vorsatz war immer einfach: Was auf dem Band ist, kann verwendet werden. Was nicht auf dem Band ist, bleibt Information, die ich nicht verwerte. Punkt. Das schützt nicht nur mich, sondern auch mein Gegenüber. Ist das naiv? Vielleicht. Aber es hat mit Respekt zu tun. Und mit Ethik.
Was ist Ethik?
Doch was ist Ethik in diesem Fall überhaupt?
Ethik ist nicht Empörung. Ethik ist auch nicht einfach Gesetzestreue. Wer Ethik sagt, muss mehr meinen als den reflexhaften Ruf nach Konsequenzen. Ethik beginnt dort, wo Macht, Wahrheit und Verantwortung aufeinanderprallen.
Hannah Arendt hätte wohl zuerst auf die Tatsachen bestanden. Nicht auf Haltungen. Nicht auf Lager. Nicht auf Meinungen. Auf Tatsachen. Patrick Fischer hat ein gefälschtes Covid-Zertifikat benutzt. Das ist die Tatsache. Der Verband wusste intern seit dem Vorfall Mitte März, dass hier etwas Hochbrisantes im Raum stand. Auch das gehört zur Tatsache. Öffentlich explodierte der Fall aber erst am 13. April 2026, 32 Tage vor Beginn der Heim-WM. Und genau dort beginnt die ethische Frage: Wurde hier Wahrheit aufgearbeitet oder Wahrheit inszeniert?
Immanuel Kant würde die Sache noch schärfer fassen. Der Mensch darf nie bloss Mittel sein. Fischer machte Regeln, die er selbst von anderen verlangte, im entscheidenden Moment für sich verhandelbar. Das ist nicht bloss ein Fehler. Das ist ein Bruch von Integrität. Der Verband wiederum behandelte Werte zunächst wie eine PR-Variable: zuerst Rückendeckung, dann Kehrtwende. Und auch die Medien müssen sich fragen lassen, ob sie Fischer nur als Gegenstand öffentlicher Aufklärung behandelten oder zugleich als Mittel einer maximal wirksamen Geschichte. Genau darin liegt der ethische Kern: Nicht nur, was man tut, sondern auch, was man aus einem Menschen macht.
Dietrich Bonhoeffer erinnert schliesslich daran, dass Ethik nie im luftleeren Raum stattfindet. Verantwortung ist konkret. Wer handelt, trägt die Folgen mit. Fischer trägt sie für seine Täuschung. Der Verband trägt sie für seine späte Klarheit. Und die Redaktion trägt sie für den Zeitpunkt, an dem aus einer intern bekannten Geschichte ein nationaler Skandal wurde. Gerade deshalb reicht es nicht, wenn sich am Ende alle auf ihre jeweilige Rolle berufen. Ethik ist mehr als Rollendeckung. Ethik ist die Frage, ob man seiner Verantwortung vor der Wirklichkeit standgehalten hat.
Respekt, Aufklärung und mediale Dynamik
Und genau an diesem Punkt fehlt mir in diesem Fall teilweise der Respekt. Ich verstehe gleichzeitig, in welcher Lage sich SRF befand. Es ging hier nicht um eine Bagatelle, sondern um ein gefälschtes Covid-Zertifikat, eine rechtskräftige Verurteilung und um einen Nationaltrainer, also um eine öffentliche Figur mit Vorbildfunktion. SRF berichtet selbst, dass ursprünglich ein Porträt über Fischer geplant war und dass Fischer bei einem Mittagessen vor rund einem Monat, ungefragt und im Beisein des SIHF-Medienchefs, von dem gefälschten Zertifikat erzählte. Den Strafbefehl erhielt SRF laut eigener Darstellung rund zehn Tage vor der Veröffentlichung; danach wurde Fischer mit den Fakten konfrontiert.
Damit sind wir bei der Person Patrick Fischer.
Er hatte und hat Vorbildfunktion. Er forderte von seinen Spielern Commitment, Disziplin und das Einhalten klarer Regeln. Genau diesen Massstab legte er in Peking offenbar nicht an sich selbst an. Diesen Vorwurf muss er sich gefallen lassen. Wer Regeln von anderen verlangt, kann sie nicht für sich selbst relativieren. Gerade als Nationaltrainer nicht. Dass seine Glaubwürdigkeit dadurch massiv beschädigt wurde, ist deshalb wenig überraschend.
Aber damit ist die Geschichte eben nicht fertig.
Denn bei mir stellen sich die Nackenhaare nicht nur wegen Fischers Verhalten auf, sondern auch wegen des Umgangs damit. Wenn ein Nationaltrainer in einem lockeren Rahmen eine solche Information preisgibt und der Medienchef des Verbands daneben sitzt, dann stellt sich zwangsläufig die Frage: Warum wurde intern nicht sofort erkannt, welche Sprengkraft diese Aussage hat? Warum wurde sie offenbar nicht als Krisensignal behandelt? Der Verband hat inzwischen selbst eingeräumt, seine Ersteinschätzung sei „zu kurz gegriffen“ gewesen, und eine externe administrative Untersuchung angekündigt, die genau aufarbeiten soll, was seit dem Vorfall Mitte März schiefgelaufen ist.
Fragwürdiger Zeitpunkt
Ebenso heikel ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung.
Die Geschichte eskalierte am 13. April 2026 öffentlich. Die Heim-WM beginnt am 15. Mai 2026. Dazwischen liegen 32 Tage. Zugleich stand bereits seit dem 3. Dezember 2025 fest, dass Fischer nach der Heim-WM ohnehin abtritt und Jan Cadieux übernimmt. Genau deshalb ist die Frage legitim, weshalb diese Geschichte genau dann öffentlich wurde – in der heissen Phase vor dem letzten internationalen Auftritt Fischers als Head Coach. Ich sage ausdrücklich nicht, SRF habe deshalb falsch gehandelt. Ich sage aber ebenso ausdrücklich: Der Zeitpunkt darf medienethisch hinterfragt werden.

Dabei spiele ich den Ball nicht plump zu SRF zurück.
Natürlich gehört zur journalistischen Arbeit, Informationen zu prüfen, Belege zu beschaffen, Betroffene zu konfrontieren und dann zu publizieren. Genau das ist hier offenbar geschehen. Was mich dennoch umtreibt, ist die Frage, ob hier am Ende nicht auch ein Mechanismus wirkte, den man aus der heutigen Medienlogik nur zu gut kennt: maximale Aufmerksamkeit, maximale Wucht, maximale Wirkung. News um ihrer selbst willen? Ich weiss es nicht. Aber die Frage ist erlaubt. Denn Journalismus ist nicht nur Veröffentlichung. Journalismus ist auch Verantwortung für Timing, Kontext und Verhältnismässigkeit.
Die Rolle des Verbandes und der Medien generell
Der Verband wiederum unterschätzte offenkundig das Echo.
Er glaubte offenbar, ein Mea culpa von Fischer und eine erste Rückendeckung würden reichen. Das taten sie nicht. Zwei Tage nach der öffentlichen Stellungnahme trennte sich die SIHF per sofort von Fischer. Präsident Urs Kessler sagte später selbst, man habe sich zunächst nur auf die rechtliche Beurteilung beschränkt und zu spät erkannt, dass es um mehr ging als um eine juristische Frage. Genau dort liegt das Verbandsversagen. Nicht nur in der Sache selbst, sondern in der Fehleinschätzung ihrer politischen, moralischen und medialen Wucht.

Bemerkenswert finde ich zudem, dass in diesen Tagen sehr viel über Fischer gesprochen wurde, aber vergleichsweise wenig mit ihm. Was waren seine Beweggründe? Warum handelte er damals so? Wie deutet er den Fall heute selbst? Vieles bleibt offen, weil der öffentliche Diskurs sich rasch von der Person löst und auf Projektionsflächen springt: Moral, Corona, Vorbild, Verband, Medien. Das ist verständlich. Aber es zeigt auch, wie schnell in Skandalen über Menschen geurteilt wird, ohne dass man sie noch wirklich sprechen lässt.
Ja, Patrick Fischer hat einen Fehler gemacht.
Ja, er trägt die Konsequenzen.
Ja, es bleiben viele Fragen offen.
Für mich ist aber die wichtigste nicht, ob die Entlassung nachvollziehbar war. Das war sie wohl. Die wichtigere Frage lautet: War es medienethisch gerechtfertigt, aus einer intern seit Mitte März bekannten Geschichte genau zu diesem Zeitpunkt einen öffentlichen Sturm auszulösen? Diese Frage kann ich nicht abschliessend beantworten. Das müssen Redaktionen selbst beantworten – und zwar ehrlich. Denn fast sicher ist: Dieser Fall wird Folgen haben. Nicht nur verbandsintern. Sondern auch im künftigen Umgang zwischen Verbänden, Funktionären, Trainern und Medien. Vertrauen ist in solchen Konstellationen schnell verspielt. Zurückholen lässt es sich meist nur mühsam.
Wer diesen Fall nur als moralisches Scheitern Patrick Fischers liest, liest ihn zu klein. Es ist auch ein Fall über institutionelle Feigheit, über verspätete Verantwortung – und über die journalistische Versuchung, Wahrheit genau dann ganz gross zu machen, wenn ihr Einschlag am grössten ist.
