Eine neue Firewall ist noch kein fertiges System

IHF World Championship 2024 AUT - SUI Michael Fora #45, Reto Berra #20, Benjamin Nissner #70 Prague Arena, Prague CZE © Puckfans.at / Andreas Robanser | Quelle:

Einleitung

Der EHC Kloten hat mit Reto Berra eine jener Verpflichtungen getätigt, die sofort sichtbar sind. Ein starker Torhüter kann Punkte sichern, Ruhe ausstrahlen und einer jungen Mannschaft Zeit verschaffen. Er kann aber nicht jedes strukturelle Problem verschwinden lassen.

Die These lautet deshalb: Klotens wichtigste Verstärkung ist möglicherweise nicht Berra, sondern die Kombination aus Geduld und Michael Liniger. Wenn der Klub dem neuen Trainer wirklich Zeit gibt, junge Spieler zu entwickeln und eine stabilere Mannschaft zu formen, kann der Weg aus dem Tabellenkeller beginnen. Wer dagegen sofort die Play-ins verlangt, verwechselt einen Aufbau mit einem Sprint. Oder, etwas technischer: Eine neue Firewall macht aus einem unfertigen System noch keinen Production Server.

Prognose

Hockey-Nerd / Chef: Rang 13

ChatGPT / Assistent: Rang 13

Betriebssystem

Ubuntu LTS Minimal

Kloten ist Ubuntu LTS Minimal. Keine unnötigen Pakete, keine Behauptung, bereits eine voll ausgestattete Workstation zu sein, sondern erst einmal eine vernünftige, stabile Basis, auf der man etwas aufbauen kann. Reto Berra ist dabei ein ziemlich hochwertiges Security-Paket – nur ersetzt auch das beste Paket nicht die Anwendungen, die vorne irgendwann produktiven Output liefern müssen.

Der Name Minimal ist deshalb keine Beleidigung, sondern eine Bauanleitung. Michael Liniger muss mit jungen Spielern Funktionen nachinstallieren, ohne bei jedem kleinen Fehler gleich die Distribution zu wechseln. Wenn patience.service tatsächlich läuft, könnte daraus etwas werden. Wenn nicht, beginnt die Neuinstallation wieder vor dem ersten echten Upgrade.

Torhüter

Mit Reto Berra erhält Kloten einen erfahrenen und hochklassigen Torhüter. Er kann für die Mannschaft eine entscheidende Verstärkung sein.

Voraussetzung ist allerdings, dass die Vorderleute ihm genügend Sicht verschaffen und vor dem Tor konsequent aufräumen. Auch ein starker Torhüter kann eine instabile Defensive nicht dauerhaft allein tragen.

Dahinter stehen Davide Fadani und Santo Simmchen bereit. Fadani kann Berra direkt entlasten, während Simmchen im Rahmen der Zusammenarbeit mit dem HC Thurgau vor allem weitere Spielpraxis sammeln soll. Berra ist damit die neue Primary Firewall, Fadani ein glaubwürdiges Failover. Das hilft enorm, ersetzt aber keine Security-Schicht davor: Wenn Kloten dauerhaft zu viele hochwertige Chancen zulässt, wird irgendwann auch die beste Firewall mit Anfragen zugeschüttet. Sportlich wird deshalb ebenso interessant sein, wie Michael Liniger die Rollen hinter der Nummer eins verteilt wie das, was vor ihr passiert.

TorhüterSpGAASV%SNUSO
Davide Fadani252.59.91781022
Reto Berra371.99.92027605

Verteidigung

Dominik Schlumpf bringt Erfahrung aus Zug und soll der Defensive zusätzliche Tiefe geben. Simon Johansson kommt aus der SHL und kann als beweglicher Verteidiger auch nach vorne Akzente setzen.

SpielerPos.SpTAPktPkt/Sp+/−Strafmin.
Dominik SchlumpfD31022.06-914

Trotz dieser Verstärkungen wird viel Arbeit auf die Abwehr zukommen. Auf dem Papier wirkt sie stabiler, doch unter hohem Druck könnte sie weiterhin anfällig sein. Genau hier muss Kloten einen Schritt machen.

Berra hilft nur dann wirklich, wenn die Defensive vor ihm nicht erwartet, dass er jeden Fehler korrigiert. Die Entwicklung dieser Mannschaft wird deshalb auch daran zu erkennen sein, ob der Torhüter immer seltener der auffälligste Klotener sein muss.

Sturm

Der Angriff bleibt das grosse Fragezeichen.

Wenn Kloten offensiv ähnlich harmlos auftritt wie in der vergangenen Saison, werden die Play-ins kaum erreichbar sein. Es fehlt an Wucht, Konstanz und Durchschlagskraft.

Gleichzeitig zeichnet sich ein Generationswechsel ab. Ältere Spieler werden durch junge, entwicklungsfähige Kräfte ergänzt. Genau hier liegt die Chance: Michael Liniger ist besonders stark darin, junge Spieler weiterzubringen und ihnen schrittweise Verantwortung zu geben.

Die Zahlen machen die offensive Frage konkreter. Kloten kam 2025/26 auf 27,058 Schüsse pro Spiel, traf aber nur mit 8,3 Prozent dieser Abschlüsse. Das ist ziemlich genau High Traffic, Low Conversion Efficiency: Pakete kommen in die offensive Zone, aber zu wenig davon endet als erfolgreicher Write. Mehr Verkehr allein löst das Problem deshalb nicht.

KennzahlWert
Schüsse/Spiel27.058
Shooting %8.3 %
Powerplay22.9 %

Trainer

Michael Liniger wurde im Januar beim EV Zug als Headcoach freigestellt. Ende April wurde sein noch laufender Zuger Vertrag im Rahmen des Trainerwechsels mit Lauri Marjamäki aufgelöst, und nun kehrt Liniger als Headcoach zu einem Klub zurück, für den er bereits neun Saisons als Spieler auf dem Eis stand. Für den EHC könnte sich diese Rückkehr als Glücksfall erweisen.

Mit Marcel Jenni und Juhamatti Yli-Junnila arbeitet er mit zwei Assistenten zusammen, die bereits bewiesen haben, dass sie mit jungen Spielern sehr gut arbeiten können. Liningers Stärke liegt in der Ausbildung und Entwicklung. Er braucht allerdings Zeit und ein Umfeld, das ihm diese Zeit auch gibt. Entwicklung ist kein sudo reboot; sie baut Cache, Automatismen und Vertrauen auf – genau jene Dinge, die nach einem hektischen Neustart wieder von vorne beginnen. Kloten darf deshalb nicht erwarten, dass aus einer jungen Mannschaft innerhalb weniger Wochen ein Playoff-Team wird.

Gerade in den ersten Monaten wird deshalb interessant sein, ob der Klub Entwicklung auch dann akzeptiert, wenn sie nicht sofort mit Punkten belohnt wird.

Special Teams

Die Special Teams waren 2025/26 nicht das offensichtlichste Problem. Das Powerplay kam auf 22,9 Prozent, das Penalty Killing auf 80,0 Prozent. Beide Werte geben Michael Liniger zumindest eine brauchbare Basis.

Für Liniger ist das zugleich eine Entwicklungschance. Er wird junge Spieler nicht nur in geschützten Situationen einsetzen können, sondern ihnen auch in Über- und Unterzahl Verantwortung geben müssen. Gerade weil Kloten offensiv insgesamt zu wenig Tore erzielte, wäre es wertvoll, wenn das Powerplay sein Niveau hält oder sogar noch etwas zulegt.

KennzahlWert
Powerplay22.9 %
Penalty Killing80.0 %

Führung

Für Präsident Jan Scheibli wird entscheidend sein, Emotionen im Griff zu behalten. GM Ricardo Schödler braucht genügend Rückendeckung und Ruhe, um sportliche Entscheidungen nicht nach jeder Niederlage neu diskutieren zu müssen. root darf natürlich eingreifen; bloss wäre es ungünstig, wenn nach drei verlorenen Spielen schon wieder jemand mit offenem Gehäuse und Schraubenzieher neben dem laufenden System steht.

Gelingt diese Zusammenarbeit, kann in Kloten etwas wachsen. Vor allem die Ausbildung der jungen Spieler könnte langfristig zu einem entscheidenden Bestandteil der Klubidentität werden.

Fazit

Die Ausgangsthese ist absichtlich wenig spektakulär: Kloten braucht Zeit. Reto Berra kann diese Zeit mit starken Leistungen wertvoller machen, aber er kann sie nicht ersetzen.

Der EHC ist noch nicht an dem Punkt, an dem die Play-ins als selbstverständliches Ziel ausgerufen werden sollten. Zuerst müssen Defensive, Special Teams und vor allem der Angriff stabiler werden. Michael Liniger ist genau für diese Art Arbeit interessant, weil sein Wert nicht nur an kurzfristigen Resultaten gemessen werden sollte.

Das grösste Risiko sitzt deshalb womöglich nicht auf dem Eis. Es wäre die Ungeduld. Wenn Kloten nach ein paar schlechten Wochen wieder glaubt, alles neu diskutieren zu müssen, wird aus Entwicklung sehr schnell nur das nächste angefangene Projekt.

patience.service: active
Restart requested by user: denied
Reason: process still learning

Hockey-Nerd / Chef: Prognose Rang 13. Realistische Spannbreite: Rang 11 bis 14. Der Weg nach oben führt über Entwicklung und Geduld; Play-ins wären bereits ein deutlicher Sprung gegenüber der Erwartung.

ChatGPT / Assistent: Prognose Rang 13.

Teil eines Dossiers

Dieser Beitrag gehört zum Dossier Eishockey Vorschau 2026/27.