Du freust Dich über die vier freien Tage zusätzlich im Jahr. Ich auch. Das ist das Schöne. Vier Tage weg von der Hektik, vier Tage mit Deinen Liebsten und Deinen Freunden. Vielleicht fährst Du ja weg. Und wenn Du diesen Text im Stau liest, dann stehst Du gerade mittendrin. Und wenn nicht? Wenn Du zuhause darüber stolperst, ist das genauso gut. Denn wir sind alle auf einer Reise. Eine Reise, die wir glauben bestimmen zu können. Aber in Wirklichkeit reagieren wir oft nur.
Ich weiss, das ist direkt. Vielleicht auch etwas gedrängt. Dabei wollte ich Dir zeigen, was Ostern für mich persönlich bedeutet. Oder genauer: die Karwoche, die bereits am Palmsonntag beginnt.
Lass mich dazu etwas ausholen. Für mich beginnt Ostern an Palmsonntag. Es ist der Tag, an dem Jesus in die Stadt Jerusalem einzieht. Mit Palmwedeln und Hosanna-Rufen wird er von den Bürgern Jerusalems empfangen. Auf einem jungen Esel reitet er ein, seine Kleider und jene der Jünger liegen auf dem Rücken des Esels. So jedenfalls erzählt es die Bibel.
Die Diskrepanz zwischen jüdischem und christlichem Kalender
Es gibt jedoch einen Punkt, den wir Christen nicht aus dem Auge lassen dürfen: Die Daten, die wir im Kalender fixieren, sind wichtig für uns. Doch in Wirklichkeit stimmen sie nicht immer mit den ursprünglichen Ereignissen überein. Lass uns deshalb einen Blick auf den jüdischen Kalender werfen.
Der jüdische Kalender berechnet anders als der unsere. Er ist eine Kombination aus Mond- und Sonnentagen. Die Internetseite swissjews.ch schreibt dazu:
“Der jüdische Kalender richtet sich nach einem sogenannten Lunisolarjahr. Der Beginn des Kalenders geht im Vergleich zum gregorianischen Kalender auf das Jahr 3761 vor der gängigen Zeitrechnung zurück. Somit findet sich der jüdische Kalender bereits im sechsten Jahrtausend. Der Beginn des jüdischen Jahres markiert der Monat Tischri, der jeweils auf September oder Oktober fällt. Das neue Jahr wird jeweils mit dem Neujahrsfest Rosch Haschana eingeläutet.”

So gesehen orientieren wir Christen uns nicht an den ursprünglichen Zeitabläufen. Die Ereignisse rund um die Kreuzigung stehen im Zusammenhang mit dem jüdischen Pesach, dem Passover. Vielleicht fällt uns dieser Blick schwer, weil wir uns stärker am Neuen Testament orientieren als am Alten. Erst wenn dieses keine Antworten gibt, wenden wir uns dem Alten Testament zu.
Der Ursprung des Passover
Der Ursprung des Passover ist klar im 2. Buch Mose beschrieben. Tauchen wir nun in diese Stelle ein (Verse 12,1-13).
In dieser Stelle geht es darum, dass Mose von Gott den Auftrag erhält, dem Volk Israel zu sagen, es solle sich auf die Flucht aus Ägypten vorbereiten. Sie sollen ein Lamm schlachten und dessen Blut an die Türpfosten ihrer Häuser streichen. Danach das Lamm essen und beten. Um Mitternacht, so erzählt es die Bibel, wird Gottes Engel durch das Land gehen und die Erstgeborenen der Ägypter töten. Das Blut an den Türen dient dabei als Zeichen, damit die Häuser der Israeliten verschont bleiben. Danach soll Mose erneut zum Pharao gehen und ihn bitten, das Volk ziehen zu lassen. Dieses Mal willigt der Pharao ein. Die Israeliten verlassen Ägypten und nehmen viele Güter mit. So wird das Passover in der Bibel beschreiben. Bis heute am jüdischen Pesachfest daran erinnert.
Wenn wir dies mit unserem Osterkalender vergleichen, sehen wir eine Verschiebung: Die Ereignisse rund um Jesus fallen in die Zeit des Pesach. Unsere festen Wochentage passen jedoch nur bedingt zu den ursprünglichen Zeitabläufen.
Vielleicht siehst Du diese Diskrepanz.
Die Passionszeit des Jesus von Nazareth
Doch kehren wir wieder zur Geschichte an diesem speziellen Pesach zurück und zum Beginn der Leidenszeit Jesu. Mit seinen Jüngern trifft er sich zur Feier des Pesach in einem Haus in Jerusalem. Dort eröffnet er ihnen, dass nun sein Leiden beginnen wird. Petrus, der Stein, der Fels, der Fischer, wird laut und sagt gemäss der Schrift, dass er Jesus verteidigen werde. Er will eingreifen, handeln, den Weg verändern. Jesus weist ihn zurecht und sagt, frei übernommen:
„Petrus, du kannst den Willen meines Vaters nicht beeinflussen. Ich muss diesen Weg gehen, um die Menschheit zu befreien. Du kannst dies nicht ändern.“ (Mt 26:39;42)
Die Jünger sind erschüttert. Die Stimmung ist gedrückt. Nach und nach eröffnet Christus ihnen, was geschehen wird:
„Ich werde gegeisselt, es wird auf mich gespuckt werden, und die Menschen werden mich verleugnen. Sie nehmen mich nicht an.“ (Mt 26:31-35; Mk 14:27-31)
Die Jünger werden still, nachdenklich. Doch der Mensch gewordene Gott baut sie wieder auf, indem er ihnen Hoffnung gibt. Nur ein Jünger sucht einen anderen Weg, um dies zu verhindern. Nein, es ist nicht Petrus.
Der Verrat des Judas Ischariot
Es ist Judas Ischariot, nicht Judas der Zelot. Judas, der die Kasse führt und das Vertrauen der Gruppe missbraucht. (Mt 26:14-16; Mk 14:10-11)
Judas geht zum Hohen Rat. Denn er weiss, dass sie Jesus ablehnen, ihn verspotten und als Aussenseiter sehen. Sie nehmen ihn nicht ernst. Vor allem, weil er ihnen bei der Tempelreinigung vorgeworfen hat, dass sie das Haus seines Vaters verunreinigen. Für sie ist das Gotteslästerung. Doch sie blicken nicht in die Schrift. Sie reagieren auf seine Worte, ohne zu verstehen – oder ohne verstehen zu wollen –, was er ihnen sagt.
Er spricht zu ihnen klar:
„Aussen seid ihr sauber wie ein Gefäss – doch innen? Innen seid ihr schmutzig. Ihr achtet nur auf das Äussere.“ ( Mt 23:25-26)
Und zur Bevölkerung sagt er:
„Lasst euch nicht vom Äusseren beeinflussen. Blickt in das Innere. Der Hohe Rat lebt euch etwas vor, was er selbst nicht lebt.“ (Lk 11:39-41)
Judas geht also zu diesem Rat und sagt ihnen, wo sie Christus finden werden. In der Nacht, die wir heute dem Karfreitag zuordnen.
Und wieder landen wir bei einem Zeitpunkt, den wir mit einem klaren Wochentag verbinden – obwohl es ihn so nicht gibt. Denn wir sind immer noch im Pesach.
Nun weiss der Hohe Rat, wo Jesus in der Nacht – die wir heute dem Karfreitag zuordnen – zu finden ist: im Garten Getsemani. Zusammen mit seinen Jüngern geht er dorthin, um zu beten. Dort ringt Jesus mit sich und seinem Vater. Doch der Vater antwortet ihm nicht. Petrus will eingreifen, will handeln, will diesen Weg nicht akzeptieren. Doch Jesus weist ihn zurecht.
Dann tritt Judas Ischariot mit den Wachen hinzu. Sie nehmen Jesus fest.
In diesem Moment greift Petrus zum Schwert und verletzt einen der Männer am Ohr. Jesus heilt die Wunde und geht ohne Widerstand mit.
Nicht er leistet Widerstand – sondern Petrus.
Die Ereignisse beginnen sich zu überschlagen.
Nun beginnt die Prozession. Zuerst wird Jesus von den Tempelwächtern zum Hohen Rat geführt. Dort wird er verhöhnt, verspottet und geschlagen. Als Jesus zum Höhepunkt dieser Demütigungen sagt, er sei Gottes Sohn, kippt die Stimmung. Sie wird noch aggressiver. Einige Mitglieder dieses Rates wollen ihn auf der Stelle verurteilen.
Doch Kaifas greift ein – der Vorsitzende des Hohen Rates und Gegenspieler Jesu. Sie dürfen nicht. Die Römer haben ihnen untersagt, selbst ein Todesurteil zu vollstrecken. Dafür brauchen sie die Zustimmung von Pilatus.
Politiker, Staatsmann oder einfach Verantwortungslos - Pilatus und seine Rolle
Der Hohe Rat bringt Jesus zu Pilatus, doch dieser zögert, zu entscheiden:
„Glauben und Politik soll man nicht vermischen. Ich bin Politiker. Ich sehe keine Schuld an diesem Mann.“ (Mt 27:24; Mk 15:14; Joh 18:38)
Der Hohe Rat gibt nicht nach. Pilatus verweist sie an Herodes Antipas. Dieser soll entscheiden. Doch auch er entzieht sich der Verantwortung und schickt sie wieder zu Pilatus zurück.
Pilatus steckt nun in einer Zwickmühle.
Wie soll Pilatus nun entscheiden?
Aus römischer Sicht hat Jesus nichts getan, was ein Todesurteil rechtfertigt. Der Hohe Rat jedoch will ihn sterben sehen. Sie wollen ihn kreuzigen – damit jeder sieht, dass dieser Jesus nur ein Mensch ist und nicht Gottes Sohn. Da Pesach ist, darf der Hohe Rat die Residenz von Pilatus nicht betreten, ohne sich nach ihrem Glauben zu verunreinigen. Also bleibt die Distanz – und die Forderung bleibt bestehen.
Inzwischen wird auch das Volk beeinflusst. Am Palmsonntag wurde Jesus noch mit Hosanna-Rufen empfangen. Nun verlangt dieselbe Menge seinen Tod.
Pilatus sucht einen Ausweg. Er lässt Barabbas holen, einen Gefangenen, und stellt das Volk vor die Wahl:
Wer soll freikommen – Barabbas oder Jesus?
Die Entscheidung trifft das Volk, nicht Pilatus. Und das Volk fordert die Kreuzigung.
Pilatus gibt nach – trotz der Warnung seiner Frau.
Fast wörtlich sagt er:
„Ich wasche meine Hände in Unschuld. Für dieses Urteil bin ich nicht verantwortlich.“ (Mt 27:24)
Ja, Politik kann so einfach sein: die Verantwortung abgeben und sich der Entscheidung entziehen. Doch wer Verantwortung abgibt, trägt am Ende die Konsequenzen weniger. Oder eher gesagt: lässt andere tragen.
Die letzte Stunden von Jesus von Nazareth
Unter Geisselhieben der Palast- und Tempelwächter, mit einer Dornenkrone auf dem Kopf und dem schweren Kreuz auf dem Rücken, schleppt sich Jesus durch die Via Dolorosa zu seiner Hinrichtungsstätte. Unterwegs bricht er zusammen. Simon von Kyrene wird gezwungen, das Kreuz zu übernehmen und für ihn zu tragen. Jesus geht weiter – unter Peitschenhieben, Spott, Gelächter und Anspucken – bis auf den Berg Golgatha.
Dort nageln ihn die Römer ans Kreuz. Die Menge johlt. Zwei weitere Menschen werden mit ihm gekreuzigt.
Der eine sagt: „So rette dich doch, wenn du Gottes Sohn bist.“ (Mt 27:40; MK 15:30; Lk 23:39)
Der andere sagt: „Ich sehe nun, dass du Gottes Sohn bist.“ (Lk 23:40-43)
Zu ihm sagt Jesus, dass er mit ihm auferstehen und an seiner Seite sein wird.
Als Jesus Durst hat, reichen ihm die Wachen einen Schwamm mit Essig. Er nimmt davon und spricht seine letzten Worte:
„Es ist vollbracht.“ (Joh 19:30)

In diesem Moment zerreisst der Vorhang im Tempel. Der Tag wird zur Nacht. Die Menschen, die eben noch gejubelt haben, fliehen vom Berg Golgatha in ihre Häuser.
Stille.
Noch immer befinden wir uns in der Pesach-Woche. Der Höhepunkt steht bevor. Da sich all dies am Nachmittag ereignet und das Pesachfest beginnt, dürfen keine Leichen am Kreuz hängen.
Verantwortung übernehmen und diese Leben - Josef und Nikodemus
Josef von Arimathäa geht deshalb zu Pilatus und fragt:
„Darf ich ihn vom Kreuz nehmen und in meine Grabstätte legen?“ (Mt 27:57-60; Mk 15:43-46; Lk 23:50-54)
Pilatus stimmt zu – unter der Bedingung, dass das Grab bewacht wird.
Josef von Arimathäa und Nikodemus salben Jesus, legen ihn in das Grab und verschliessen es mit einem schweren Stein.
Die römische Wache bezieht Stellung.
Am Ostersonntag geht Maria zur Grabstelle. Sie will Jesus noch einmal salben und sich verabschieden.Doch als sie dort eintrifft, ist das Grab leer. Die Tücher, in die Jesus gewickelt war, liegen zurückgelassen in der Grabhöhle. Sie läuft zurück und holt Petrus, Johannes und die anderen Jünger, die sich im Haus versammelt haben.
Auch sie verstehen es nicht.
Erst als Jesus unter sie tritt und sich zu erkennen gibt, begreifen sie, was geschehen ist: Sie waren mit dem Sohn Gottes unterwegs.
Wir und die Politik - Agieren wir oder reagieren wir nur?
Ich habe diesen Beitrag mit der Bemerkung begonnen, dass ich Dir sagen will, was Ostern für mich bedeutet. Für mich bedeutet Ostern nicht nur die Auferstehung, das Leiden Jesu oder seinen Tod. Es geht um mehr. Es geht darum, dass wir urteilen, ohne zu wissen, wer der Mensch vor uns wirklich ist.
Dass Politik Verantwortung abschiebt – auf uns, das gemeine Volk.
Dass wir nicht hinschauen, um zu verstehen.
Dass wir nicht nachdenken – und aus Emotionen heraus entscheiden.
Aber diese Geschichte erzählt auch etwas anderes. Wir sollten zuhören. Lernen. Denken. Empfinden. Einen Schritt zurückgehen. Stehen bleiben. Dann abwägen.
Ist dies die richtige Entscheidung?
Sind wir eher wie Pilatus – oder wie Kaiphas und der Hohe Rat, die aus Emotionen handeln, ohne die richtigen Fragen zu stellen?
Hass, Wut, Abneigung – all das gehört zu unserer Welt.
Dennoch verurteilen wir, ohne zu wissen.
Dürfen wir das?
Denken wir wirklich über die Konsequenzen nach, die ein Urteil für unseren Nächsten hat?
Hannah Arendt - Jüdin, Philosophin und streibare Denkerin - Wir sollen denken
Oder, um es mit der politischen Denkerin und Jüdin Hannah Arendt zu sagen: „Denken wir ohne Geländer?“ Arendt fordert uns auf, kritischer zu denken, zu hinterfragen, statt einfach zu urteilen. Sind wir bereit, wirklich nachzudenken, oder lassen wir uns von der Bequemlichkeit leiten?

Oder lassen wir das Denken aus Bequemlichkeit liegen?
Denken wir wirklich alles zu Ende? Ich weiss es nicht.
So wie ich auch nicht weiss, ob Du diesen Text vor dem Gotthard liest oder zu Hause.
Und doch habe ich eine abschliessende Frage an Dich:
Staust Du noch – oder glaubst Du wieder?
