1.1 – Ein Reich gerät ins Wanken
Es ist kalt in Ufa. Das Spiel der Schweizer Eishockey-U20-Nationalmannschaft ist zu Ende. Zum ersten Mal bin ich auf mich allein gestellt in dieser grossen Stadt nahe dem Ural, an jener gedanklichen Grenze zwischen Europa und Asien. Ich will mit der Strassenbahn zur Hauptspielstätte dieser Weltmeisterschaft.
Ich weiss, dass es mit dem öffentlichen Verkehr erreichbar ist. Also steige ich in diese Bahn ein. Die Schaffnerin begrüsst mich mit einem Lächeln. Wir können uns nicht verständigen. Ich versuche ihr zu erklären, dass ich zum Stadion will. Sie lächelt mich an. Ich denke bei mir: Das wird wohl schon stimmen so.
Die Strassenbahn setzt sich in Bewegung. Eine Station folgt auf die nächste. Dabei muss die Fahrerin immer wieder aus der Bahn aussteigen, Weichen umlegen, wieder einsteigen, weiterfahren. Irgendwann habe ich das Gefühl, dass ich am falschen Ort bin. Nämlich in einem Depot. Verwirrt zeige ich meine Akkreditierung. Beide lachen. Schütteln den Kopf.
Nur für einen Augenblick bin ich aufgeschmissen.
Dann macht die Fahrerin etwas, das in Westeuropa wohl kaum möglich gewesen wäre. Sie fährt wieder aus dem Depot heraus. Stellt Weichen um, tuckert mit mir und der Schaffnerin quer durch Ufa. Schliesslich zeigt sie mir das Stadion von weitem. Dort muss ich hin.
Sie lacht wieder. Die Schaffnerin lacht. Ich lache. Eine Schachtel Pralinen wechselt den Besitzer. Dankbar verabschiede ich mich von den beiden. Am Ende stehe ich dann endlich mit über einer Stunde Verspätung vor dem Stadion. Ohne dass ich mich mit Englisch, Französisch oder Deutsch verständigen konnte. Nur durch Lachen. Durch Gesten.
Jahre später kam mir diese Fahrt wieder in den Sinn. Nicht wegen des Eishockeys. Nicht einmal wegen der Pralinen.
Sondern wegen einer anderen Strassenbahn. Jener aus Doktor Schiwago.
Dort führt eine Strassenbahn nicht zum Stadion. Sie wird zum Bild einer Welt, die längst begonnen hat, sich selbst zu verlieren.
Kennen wir die Geschichte Russlands wirklich? Oder betrachten wir dieses riesige Land fast nur noch durch jene Begriffe, die später zu politischen Feindbildern wurden: Bolschewismus, Kommunismus, Stalinismus, Sowjetunion?
Sehen wir deshalb vor allem den «roten Feind»?
Russlands Geschichte ist älter, widersprüchlicher und vielfältiger als dieses Bild. Wer verstehen will, weshalb die Russische Revolution Europa erschütterte und weshalb aus ihr neue politische Feindbilder entstehen konnten, muss weiter zurückblicken: auf ein Reich, seine Menschen, seine sozialen Gegensätze, seine Machtordnung und seine langen Risse.
Natürlich standen auch die Amerikanische und die Französische Revolution nicht ausserhalb dieser Weltgeschichte. Sie veränderten den politischen Horizont ihrer Zeit auf eigene Weise. Russland aber eröffnet eine andere Perspektive: jene eines riesigen Reiches, das nicht einfach über Nacht zusammenbrach, sondern dessen Ordnung lange zuvor begonnen hatte zu knirschen.
Dieses Knirschen wird bei Leo Tolstoi nicht erklärt. Aber es wird spürbar.
Krieg und Frieden führt in ein Russland, das noch weit vor der Revolution liegt. In eine Welt von Adelshäusern, Bällen, Familien, militärischer Ehre und französischer Sprache. In eine Welt, die sich selbst noch als Ordnung versteht.
Tolstoi zeigt dabei keine einfache Geschichte von einem bösen Adel und einem guten Volk. Er zeigt Menschen mit Eitelkeiten, Ängsten, Sehnsüchten, Privilegien und Blindheiten. Und er zeigt eine Gesellschaft, in der zwischen den grossen Häusern des Adels und dem Leben der einfachen Menschen gewaltige Distanzen liegen.
Das ist noch nicht das Russland von 1917. Aber es ist ein Blick in ein Reich, dessen Ordnung schon damals nicht für alle Menschen dieselbe war.
Wie war die Zeit, in der Tolstois Roman spielt? Wie wurde dieses Land regiert? War Russland damals Teil derselben politischen Entwicklung wie Westeuropa – oder folgte es einer eigenen Logik?
Diesen Fragen will ich zunächst nachgehen, bevor wir uns Schritt für Schritt dem Jahr 1917 und der nachfolgenden Revolution zuwenden.
Als die Revolution Europa erreichte
Um zu verstehen, weshalb die Revolution von 1917 Russland so tief erschüttern konnte, müssen wir den Blick zunächst über Russland hinaus richten.
Mit der Amerikanischen Revolution und dem Unabhängigkeitskrieg von 1775 bis 1783 entstand in Nordamerika ein neuer Staat. Mit der Französischen Revolution von 1789 geriet dann auch in Europa eine Ordnung ins Wanken, die viele Menschen lange für selbstverständlich gehalten hatten.
Plötzlich stand nicht mehr nur die Frage im Raum, wer ein Land regiert. Es ging auch darum, worauf politische Herrschaft überhaupt beruht: auf Geburt, auf Tradition, auf einer Krone – oder auf einem Volk.
Russland stand nicht ausserhalb dieser neuen politischen Fragen.
Doch seine eigenen Spannungen waren älter als die Französische Revolution.
Unter Katharina II. wuchs Russland weiter zu einer europäischen Grossmacht heran. Das Reich dehnte sich aus, der Staat wurde stärker organisiert, der Adel blieb eng mit der Herrschaft verbunden. Nach aussen wirkte Russland mächtig, kulturell stark an Westeuropa orientiert und zunehmend europäisch.
Doch dieser Fortschritt galt nicht allen.
Für viele Menschen auf dem Land blieb das Leben von Abhängigkeit geprägt. Die Leibeigenschaft band Millionen von Bauern an Grundbesitzer und Güter. Politische Mitsprache gab es nicht. Über dem riesigen Reich stand weiterhin die unbeschränkte Macht der Zarin.
Wie brüchig diese Ordnung war, zeigte sich bereits 1773. Der Kosake Jemeljan Pugatschow führte einen grossen Aufstand an, dem sich Bauern, Kosaken, Fabrikarbeiter, Altgläubige und verschiedene nichtrussische Gruppen anschlossen. Der Aufstand erfasste weite Teile des Wolga- und Uralraums.

Katharina II. liess ihn militärisch niederschlagen. Doch der Aufstand zeigte etwas, das später immer wieder sichtbar werden sollte: Russland konnte nach aussen als Grossmacht auftreten und im Innern trotzdem von tiefen sozialen Gegensätzen geprägt sein.
Die Französische Revolution von 1789 traf deshalb nicht auf ein ruhiges Reich. Sie traf auf eine Herrschaft, die wusste, wie gefährlich es werden konnte, wenn Menschen nicht mehr nur unzufrieden waren, sondern begannen, die bestehende Ordnung grundsätzlich infrage zu stellen.
Innerhalb weniger Jahre regierten in Russland drei Herrscher: Katharina II., ihr Sohn Paul I. und schliesslich Alexander I. Als Alexander 1801 den Thron bestieg, war Europa bereits von den Folgen der Französischen Revolution geprägt. In Frankreich hatte Napoleon Bonaparte 1799 die Macht übernommen und sich 1804 zum Kaiser gekrönt.
Alexander I. stand Napoleon zunächst nicht als Verbündeter gegenüber. Russland schloss sich 1805 der Dritten Koalition gegen Frankreich an. Die Niederlage bei Austerlitz zeigte jedoch, wie mächtig Napoleon geworden war. In den folgenden Jahren geriet Russland erneut in den Krieg gegen Frankreich. Nach der Niederlage bei Friedland 1807 musste Alexander I. in Tilsit Frieden mit Napoleon schliessen.
Der Frieden von Tilsit bedeutete jedoch keine wirkliche Versöhnung. Russland und Frankreich wurden für eine Zeit zu Verbündeten, doch das Bündnis blieb brüchig. Die Gegensätze zwischen beiden Reichen verschwanden nicht. Sie verschoben sich nur.
Genau in diese Zeit führt Lew Tolstoi mit seinem Roman Krieg und Frieden. Der Roman beginnt 1805. Sein historischer Kern liegt in den napoleonischen Kriegen und im französischen Angriff auf Russland von 1812.
Tolstoi erklärt damit nicht die Revolution von 1917. Aber er öffnet den Blick auf jene Welt, die Russland damals prägte: auf adelige Familien, grosse Güter, militärische Ehre, Salons, französische Sprache und eine Gesellschaft, deren oberste Schichten weit entfernt vom Leben eines grossen Teils der Bevölkerung standen.
Noch hielt das Reich zusammen. Noch konnte es sich gegen Napoleon behaupten. Doch die Frage bleibt: Wie fest kann eine Ordnung sein, wenn sie für ihre eigenen Menschen so unterschiedlich aussieht?
Für die Bevölkerung waren die dauernden Kriege, Abgaben und Unsicherheiten nicht einfach zu ertragen. Besonders auf dem Land trafen die Folgen staatlicher Politik Menschen, die kaum Einfluss darauf hatten, wie dieses riesige Reich regiert wurde.
Russland umfasste verschiedene Regionen, Völker, Sprachen und Glaubensgemeinschaften. Die Lebenswelten eines adligen Salons in Sankt Petersburg hatten wenig mit jener eines Bauern auf dem Land, eines Kosaken im Grenzgebiet, eines Handwerkers oder eines Manufakturarbeiters in einer Stadt gemein.
Das Reich zusammenzuhalten, war eine enorme Aufgabe. Doch die Zarenherrschaft versuchte dies vor allem von oben: durch Verwaltung, Militär, Privilegien für den Adel und die unbeschränkte Macht der Krone.
So blieben viele Gegensätze bestehen. Nach aussen trat Russland als Grossmacht auf. Im Innern aber lebte ein grosser Teil der Bevölkerung in einer Ordnung, auf die er kaum Einfluss hatte.

1812 erreichte dieser Krieg seinen dramatischen Höhepunkt. Napoleon marschierte mit seiner Armee nach Russland ein. Nach der Schlacht bei Borodino zog sich die russische Armee zurück, und die Franzosen erreichten Moskau.
Doch Moskau wurde für Napoleon nicht zum erhofften Symbol des Sieges. Die Stadt war weitgehend verlassen. Kurz nach dem Einmarsch brach ein Feuer aus, das grosse Teile der alten, überwiegend hölzernen Stadt zerstörte. Wer genau für den Brand verantwortlich war, ist bis heute nicht in allen Punkten eindeutig geklärt. Sicher ist aber: Napoleon fand keine Stadt vor, deren Einnahme den Zaren zur Unterwerfung gezwungen hätte, sondern eine weitgehend verlassene Metropole, die ihm kaum Schutz, Versorgung oder politischen Gewinn bot. Die russische Armee hatte Moskau geräumt, und ein grosser Teil der Bevölkerung war geflohen. Militärisch gewann Napoleon mit der Einnahme der Stadt dennoch keinen entscheidenden Erfolg.
Für die Menschen bedeutete dieser Krieg Verwüstung, Flucht, Verluste und Unsicherheit. Für den Zaren bedeutete er am Ende einen militärischen Triumph. Für die innere Ordnung Russlands aber löste er keines der grundlegenden Probleme.
Russland als Sieger von 1812 und 1815 – und dann?
Nach dem Sieg über Napoleon stand Russland nicht geschwächt, sondern gestärkt da. Die Armee des Zaren war nicht nur bis Moskau zurückgewichen und hatte überlebt. Sie war schliesslich bis nach Paris gelangt. Russland gehörte nun endgültig zu jenen Mächten, die über die Ordnung Europas mitentschieden.
Doch gerade dieser Triumph machte die inneren Fragen nicht kleiner. Im Gegenteil: Er verschärfte sie.
Denn viele russische Offiziere hatten während der Kriege mehr gesehen als Schlachtfelder. Sie kamen mit anderen politischen Vorstellungen in Berührung. Sie sahen Länder, in denen über Verfassungen, Rechte, Bürger, Parlamente und politische Ordnung gesprochen wurde. Nicht alle wurden deshalb Revolutionäre. Aber manchen wurde deutlicher, wie gross der Abstand zwischen Russlands europäischem Anspruch und seiner inneren Wirklichkeit war.
Das Zarenreich hatte Napoleon besiegt. Aber es hatte damit nicht beantwortet, weshalb Millionen Bauern weiterhin in Abhängigkeit lebten, weshalb politische Mitsprache kaum existierte und weshalb die Macht des Zaren praktisch unbeschränkt blieb.
Alexander I. hatte zeitweise Reformhoffnungen geweckt. Doch nach den napoleonischen Kriegen trat nicht eine breite politische Öffnung ein, sondern immer stärker die Sicherung der bestehenden Ordnung. Russland wurde zu einer Stütze der europäischen Restauration. Die Angst vor Revolution blieb stärker als der Wille, die eigenen Widersprüche politisch zu lösen.
Diese Spannung entlud sich 1825 nach dem Tod Alexanders I. Ein Teil junger Offiziere verweigerte dem neuen Zaren Nikolaus I. die Gefolgschaft. Sie forderten Reformen, manche eine Verfassung, manche sogar das Ende der Autokratie. Der Aufstand der Dekabristen blieb klein, schlecht vorbereitet und wurde rasch niedergeschlagen.
Aber seine Bedeutung lag nicht nur in seinem Scheitern.
Zum ersten Mal trat sichtbar hervor, dass der Zweifel an der bestehenden Ordnung nicht nur von hungernden Bauern oder unruhigen Randgebieten kommen konnte. Er kam auch aus Teilen jener gebildeten Elite, die dem Staat eigentlich dienen sollte: aus dem Adel, aus dem Offizierskorps, aus Menschen, die Russland verteidigt hatten und nun fragten, wie dieses Reich im Innern eigentlich regiert wurde.
Nikolaus I. zog daraus nicht die Lehre, dass Russland sich öffnen müsse. Er zog die gegenteilige Lehre: Die Autokratie musste gesichert, überwacht und ideologisch befestigt werden.
Damit wurde der Sieg über Napoleon zu einem merkwürdigen Wendepunkt. Russland hatte entscheidend zum Sturz Napoleons beigetragen und trat 1815 als europäische Ordnungsmacht auf. Nach aussen war das Reich stärker denn je. Im Innern aber blieb die Frage bestehen, wie lange eine Gesellschaft zusammengehalten werden kann, wenn Gehorsam, Privilegien und Kontrolle an die Stelle politischer Teilhabe treten.
Kasten: Russland war nicht immer dieses riesige Reich
Wenn wir heute auf Russland blicken, erscheint seine gewaltige Ausdehnung fast selbstverständlich. Doch das Russland des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war nicht einfach «schon immer» so gross. Es war das Ergebnis einer jahrhundertelangen Ausdehnung.
Aus dem Moskauer Fürstentum wurde zuerst ein Zarentum und später ein Imperium. Schritt für Schritt dehnte sich die Herrschaft nach Osten, Süden, Westen und Norden aus: an die Wolga, nach Sibirien, an die Ostsee, ans Schwarze Meer, in den Kaukasus, nach Zentralasien und bis an den Pazifik.
Damit wuchs nicht einfach ein Staat. Es entstand ein Reich, in dem sehr unterschiedliche Menschen unter einer gemeinsamen Herrschaft zusammengefasst wurden: Bauern und Adlige, Kosaken und Stadtbewohner, orthodoxe Christen, Muslime, Juden, Katholiken, Buddhisten und viele andere.
Das ist für die spätere Revolution entscheidend. 1917 zerbrach nicht nur eine Regierung. Es geriet ein Imperium ins Wanken, das über lange Zeit durch Expansion, Militär, Verwaltung, Loyalität zur Krone und soziale Ungleichheit zusammengehalten worden war.
Diese Ausdehnung geschah nicht auf einmal. Sie verlief in Etappen. Einige Gebiete wurden militärisch erobert, andere durch Verträge, dynastische Verschiebungen oder nach Kriegen in das Reich eingegliedert. Für die Menschen in diesen Regionen bedeutete das nicht einfach, Teil eines grösseren Staates zu werden. Es bedeutete oft auch neue Verwaltung, neue Abgaben, neue Loyalitätsforderungen und neue Konflikte.

Diese Ausdehnung hatte verschiedene Richtungen.
Nach Osten griff Russland über Wolga, Ural und Sibirien bis an den Pazifik aus. Nach Westen und Norden kamen Gebiete an der Ostsee, Teile Polens und Finnland unter russische Herrschaft. Nach Süden rückten das Schwarze Meer, die Krim, der Kaukasus und später Zentralasien stärker in den Blick.
Jede dieser Erweiterungen vergrösserte nicht nur die Landkarte. Sie veränderte auch die Aufgabe des Staates. Russland musste immer mehr unterschiedliche Regionen, Sprachen, Religionen, Rechtslagen und Loyalitäten zusammenhalten.
Damit wuchs die Macht des Reiches. Zugleich wuchs aber auch seine innere Spannung.
Nikolaus I. und die befestigte Ordnung
Nach dem Dekabristenaufstand war für Nikolaus I. klar, worin die Gefahr lag. Nicht nur in Bauernunruhen, nicht nur an den Rändern des Reiches, sondern auch in den Köpfen jener Menschen, die lesen, reisen, vergleichen und fragen konnten.
Seine Antwort war nicht politische Öffnung, sondern Festigung. Die Autokratie sollte nicht diskutiert, sondern gesichert werden. Der Staat setzte stärker auf Kontrolle, Zensur, Überwachung und Loyalität. Russland verstand sich weiterhin als europäische Grossmacht, aber im Innern blieb es ein Reich der Unterordnung.
In dieser Zeit wurde eine Formel wichtig, die viel über das Selbstverständnis des Zarenreiches verrät: Autokratie, Orthodoxie und Nationalität. Gemeint war damit kein moderner Nationalstaat mit politischer Mitsprache, sondern eine Ordnung, in der Zar, Kirche und Reichsidee zusammengehörten. Wer diese Ordnung infrage stellte, stellte nicht nur eine Regierung infrage, sondern scheinbar Russland selbst.
Damit wurde Kritik gefährlich. Nicht weil jede Kritik sofort revolutionär gewesen wäre, sondern weil der Staat sie als möglichen Anfang des Zerfalls betrachtete.
Gerade darin lag ein Grundproblem des Zarenreiches. Es war stark genug, um Europa militärisch und diplomatisch mitzugestalten. Aber es war nicht bereit, seine eigene Gesellschaft politisch ernsthaft zu öffnen.
Die ungelöste Frage der Leibeigenschaft
Am schwersten wog weiterhin die Leibeigenschaft.
Millionen Bauern lebten in Abhängigkeit von Grundbesitzern. Sie waren nicht einfach freie Bürger, die Land bewirtschafteten, Steuern zahlten und politisch mitentschieden. Viele waren an Güter, Abgaben, Dienste und lokale Herrschaftsverhältnisse gebunden. Ihre Lebenswelt hatte wenig mit den Salons, Offizierskreisen und Verwaltungszimmern zu tun, in denen über Russland gesprochen wurde.
Damit stand das Reich vor einem Widerspruch, den es lange verwalten, aber nicht lösen konnte.
Es wollte Grossmacht sein. Es wollte militärisch stark sein. Es wollte mit Europa konkurrieren. Es wollte modernisieren, verwalten, ausbauen und kontrollieren. Zugleich beruhte ein grosser Teil seiner sozialen Ordnung weiterhin auf einer Form persönlicher und wirtschaftlicher Abhängigkeit, die immer schlechter zu diesem Anspruch passte.
Die Leibeigenschaft war deshalb nicht nur eine moralische Frage. Sie war auch eine politische und wirtschaftliche Frage. Wie sollte ein Reich modern werden, wenn ein grosser Teil seiner Bevölkerung kaum frei handeln konnte? Wie sollte ein Staat leistungsfähig bleiben, wenn er Millionen Menschen als Untertanen behandelte, aber nicht als Bürger?
Nikolaus I. hielt die Ordnung zusammen. Aber er löste ihre Grundfrage nicht.
Der Krimkrieg als Schock
In den 1850er Jahren wurde sichtbar, wie gross der Abstand zwischen russischem Machtanspruch und russischer Wirklichkeit geworden war.
Der Krimkrieg brachte Russland in einen Konflikt mit dem Osmanischen Reich, Grossbritannien und Frankreich. Nach aussen ging es um Macht, Einfluss und die Ordnung im östlichen Europa und am Schwarzen Meer. Doch im Verlauf des Krieges zeigte sich mehr als nur eine militärische Niederlage.
Russland hatte Soldaten. Es hatte Raum. Es hatte eine lange imperiale Tradition. Aber es hatte auch ein schwerfälliges Verwaltungssystem, technische Rückstände, schlechte Verkehrswege und eine Gesellschaftsordnung, die ihre eigenen Kräfte nicht frei entfalten liess.
Der Krieg zeigte, dass ein Reich gross sein konnte, ohne wirklich modern zu sein. Er zeigte, dass militärische Stärke nicht nur aus Mut, Masse und Tradition entsteht, sondern auch aus Organisation, Technik, Infrastruktur und gesellschaftlicher Beweglichkeit.
Für das Zarenreich war das ein harter Schlag.
Russland hatte Napoleon besiegt und war 1815 als europäische Ordnungsmacht aufgetreten. Wenige Jahrzehnte später musste es erkennen, dass seine innere Ordnung nicht mehr genügte, um mit den entwickelteren Mächten Europas Schritt zu halten.
Reformdruck von oben
Als Nikolaus I. 1855 starb, erbte Alexander II. nicht einfach einen Thron. Er erbte ein Problem.
Das Reich konnte nicht so bleiben, wie es war. Aber es konnte sich auch nicht einfach in einen freien Verfassungsstaat verwandeln, ohne die eigene Machtordnung zu gefährden. Genau in dieser Spannung begann die grosse Reformfrage.
Der Staat musste handeln, bevor die Widersprüche unkontrollierbar wurden. Die Logik war nicht: Russland wird demokratisch. Die Logik war eher: Wenn die Ordnung überleben soll, muss sie sich verändern.
Im Zentrum stand die Bauernfrage.
1861 wurde die Leibeigenschaft aufgehoben. Das war ein gewaltiger Einschnitt. Millionen Menschen wurden rechtlich aus persönlicher Abhängigkeit entlassen. Auf dem Papier war dies einer der grössten Reformakte der russischen Geschichte.
Aber auch hier zeigte sich die Eigenart des Zarenreiches.
Die Reform kam von oben. Sie war nicht das Ergebnis einer freien politischen Aushandlung zwischen gleichberechtigten Bürgern. Sie wurde vom Staat beschlossen, verwaltet und begrenzt. Die Bauern wurden nicht einfach zu freien Landbesitzern und gleichberechtigten Bürgern eines neuen demokratischen Gemeinwesens. Viele blieben durch Abgaben, Landfragen, Dorfgemeinden und wirtschaftliche Abhängigkeiten weiterhin gebunden.
1861 löste deshalb nicht alle Probleme. Es verschob sie.
Eine Schwelle, keine Lösung
Die Aufhebung der Leibeigenschaft war ein Bruch. Aber sie war nicht die Revolution.
Sie zeigte, dass das Zarenreich reformfähig war. Zugleich zeigte sie, wie eng diese Reformfähigkeit blieb. Das Reich war bereit, eine alte Ordnung teilweise aufzugeben, aber nicht bereit, politische Macht grundsätzlich zu teilen.
Damit endet dieser erste Blick auf Russland nicht bei 1917, sondern an einer Schwelle.
Bis 1861 sehen wir ein Reich, das nach aussen immer wieder als Grossmacht auftrat: gegen Napoleon, in der europäischen Ordnung, als Imperium zwischen Ostsee, Schwarzem Meer, Kaukasus, Sibirien und Zentralasien. Im Innern aber blieb es geprägt von Autokratie, sozialer Ungleichheit, Leibeigenschaft, Kontrolle und einem tiefen Misstrauen gegenüber politischer Öffnung.
Die entscheidende Frage war nun nicht mehr, ob Russland sich verändern musste.
Die Frage war, ob es sich schnell genug, tief genug und offen genug verändern konnte.
Genau dort beginnt der nächste Teil.
Teil eines Dossiers
Dieser Beitrag gehört zum Dossier Die lange Geschichte politischer Feindbilder.
Kapitel
01 - 1917 Der Moment, der Europa erschütterte - Die russische Revolution
