Prolog - Der Mensch vor dem Feindbild

1992, Up with People: ein Blick zurück auf eine Zeit, in der Fragen begannen, die später nicht mehr verschwanden | Quelle: Privatarchiv

Ich stehe auf einer Bühne. Das Licht leicht gedämpft. Ich sehe die Zuschauer nicht.

Es ist 1992. Up with People. Junge Menschen aus verschiedenen Ländern, Stimmen, Licht, Bewegung, diese eigentümliche Mischung aus Hoffnung, Pathos und dem beinahe trotzigen Glauben, dass Begegnung etwas verändern kann.

Dann kommt diese Stimme.

Martin Luther King. “I have a dream”. Ich bekam jedes Mal Gänsehaut bei diesem einen Satz.

Nicht als historische Fussnote. Nicht als Schulstoff. Sondern als Klang im Raum. Als Erinnerung daran, dass Menschen davon träumen können, nicht nach Hautfarbe, Herkunft, Gruppe oder Zuschreibung beurteilt zu werden, sondern als Menschen.

Vielleicht begann dort etwas, das ich damals noch nicht so nennen konnte.

Jahre später schob sich ein anderes Bild darüber. Eine Szene aus Schindlers Liste. Kein Bühnenlicht mehr. Kein Chor. Kein Traum von Verständigung. Sondern ein fast schwarz-weisser Film. Menschen in Strassen. Angst. Gewalt. Bewegung. Eine Masse, in der einzelne Gesichter zu verschwinden drohen.

Und dann dieses Mädchen.

Der rote Mantel.

Plötzlich ist da nicht mehr nur Geschichte. Nicht mehr nur Verfolgung. Nicht mehr nur eine Gruppe, ein Begriff, ein Opferkollektiv. Da ist ein Kind. Ein einzelner Mensch. Sichtbar, weil ein Farbfleck genügt, um aus der Masse wieder ein Leben herauszulösen.

Vielleicht beginnt genau dort meine Frage.

Was geschieht mit uns, wenn wir Menschen nicht mehr als Menschen sehen? Wenn aus einem Gesicht eine Kategorie wird? Aus einer Kategorie ein Verdacht? Aus einem Verdacht ein Feindbild?

Und was muss geschehen, damit wir den Menschen im anderen wieder erkennen?

Die Frage bleibt stehen. In mir. Sie beschäftigt mich.

Immer weiter.

Sie führt mich in Zeiten zurück, die mich schon immer fasziniert haben. Aus geschichtlicher Sicht.

Wie konnte das geschehen? Wieso die Juden?

Wieso dieser Hass? Wieso diese Wut?

Sie liess mich nie los.

Jahre später fuhr ich im August an ein Eishockeyturnier. Ich hatte mir vorgenommen, die Fahrt nicht nur dem Eishockey zu widmen. Ich wollte unterwegs etwas sehen, etwas verstehen, vielleicht auch etwas nachholen, von dem ich damals noch nicht wusste, wie sehr es mich beschäftigen würde.

Rein zufällig sah ich ein Hinweisschild zur Gedenkstätte Flossenbürg. Damals wusste ich nicht, was der Name bedeutete. Nun weiss ich es. Das Konzentrationslager, in dem Dietrich Bonhoeffer ermordet wurde. Und mit ihm viele andere.

Die Geschichte holte mich wieder ein. Das Lied, die Rede, die Szene. Alles war wieder präsent.

Die Geschichte, die Orte die ich noch besuchte. Ich kann deren Eindrücke, die Kälte, die Wut, das Gefühl nicht abwenden.

Ich kann nicht vergessen. Ich kann nicht verstehen. Ich schlucke immer schwer wenn ich daran zurückdenke.

Sie verfolgt mich. Ich betrete die Orte, versuche sie zu verlassen. Es will mir nur an gewissen Tagen gelingen.

Nicht immer. Nicht überall. Nicht vollständig. Niemand kann diese Orte vollständig betreten. Aber ich war in Mauthausen, in Theresienstadt, in Bergen-Belsen, in Auschwitz, in Dachau, in Flossenbürg. Und ich bin von diesen Orten nicht einfach wieder weggegangen.

Natürlich fährt man irgendwann nach Hause. Man steigt in einen Zug, in ein Auto, in einen Bus. Man isst später wieder etwas, schläft irgendwann, spricht über anderes. Aber etwas bleibt dort nicht zurück. Etwas kommt mit.

Die Baracken. Die Mauern. Die Namen. Die Leere. Die industrielle Kälte. Die Frage, wie Menschen so etwas tun konnten. Und die noch schwerere Frage, wie viele nicht selbst schlugen, nicht selbst deportierten, nicht selbst verurteilten.

Aber da waren.

Anwesend.
Schweigend.
Funktionierend.
Mittragend.

Und wie viele später so taten, als sei alles über sie hereingebrochen wie schlechtes Wetter.

Diese Fragen arbeiten seit Jahrzehnten in mir. Sie kommen nicht jeden Tag gleich laut. Aber sie verschwinden nicht. Manchmal sind sie Schmerz. Manchmal Wut. Manchmal Scham, obwohl ich nicht Täter war.

Eine Frage bleibt besonders hartnäckig:

Was hätte ich getan?

Wäre ich Mitläufer gewesen, weil es damals leichter gewesen wäre?
Wäre ich der Hitlerjugend beigetreten?
Wäre ich in einem dieser Lager gelandet — als Opfer, als Täter, als Zuschauer?
Wäre ich besser gewesen als die anderen?

Ich spüre, wie ich innerlich mit diesen Fragen ringe. Fast jedes Mal, wenn ich aus dieser Zeit lese, schreibe, nachdenke oder eine Dokumentation sehe. Ich kann nicht anders. Diese Fragen sind nicht dazu da, nicht gestellt zu werden.

Dafür ist mir der Zusammenhang zu wichtig geworden.

Vielleicht kommt diese Unruhe aus meiner inneren Haltung. Vielleicht kommt sie aus dem, was ich 1992 erlebt habe. Vielleicht führt mich genau deshalb der Weg immer wieder zurück: zur Bühne, zu dieser Stimme, zu Martin Luther Kings Traum — und zu der Frage, weshalb Menschen einander trotzdem immer wieder zu Feinden machen.

Und so stehe ich wieder dort. 1992. Auf der Bühne. Ich höre wieder: „I have a dream.“

Als Nächstes, das weiss ich, kommt die nächste Frage:

„What Color Is God’s Skin?“

Damals war es ein Lied. Heute höre ich darin eine Frage, die viel weiter reicht: Wenn alle Menschen vor Gott gleich sind, weshalb machen Menschen einander trotzdem zu Fremden, Gegnern, Feinden?

Vielleicht sollte ich fragen, welche Farbe haben die Feindbilder.

Rot? Gelb? Weiss? Schwarz?

Oder haben Feindbilder keine Farben?

Bei Schindlers Liste war es die rote Farbe.

Aber welche Farbe haben Feindbilder? Oder ist gerade das ihr Trick: dass sie allen Menschen die Farbe nehmen, bis nur noch eine Kategorie übrig bleibt?

Teil eines Dossiers

Dieser Beitrag gehört zum Dossier Die lange Geschichte politischer Feindbilder.

Kapitel

Der Mensch vor dem Feindbild