Sie sagen 58 % – und hoffen, dass niemand fragt: wovon?

Der Schmid und der Fischer sind am diskutieren | Quelle: Pinterest.com

Sie sagen 58 % – und hoffen, dass niemand fragt: wovon?

In den Comics von Albert Uderzo und René Goscinny gibt es diese eine Szene, die immer wiederkehrt: Der Schmied meckert beim Fischhändler, der Fisch stinke. Der Fischhändler kontert. Der Schmied wird wütend. Auch der Fischhändler wird wütend. Und kurz darauf balgt sich das ganze Dorf. Bis der Dorfhäuptling Majestix eingreift und ruft: „Aufhören, Kinder! Seid doch mal anständig!“ Meistens bekommt er dabei noch selber etwas ab, die Schildträger lassen ihn fallen, und er sitzt – missmutig – im Staub.

Und dann, als wäre nichts gewesen: Die Gallier sitzen wieder unter dem Baum, verspeisen ihr Wildschwein, und der Barde ist wie immer gefesselt und geknebelt. Nicht, weil niemand Musik mag – sondern weil seine Töne so schief sind, dass sie einem die Laune ruinieren.

So ungefähr kann man sich die Asylpolitik der SVP vorstellen: viel Lärm, viel Prügelei – und am Ende soll bitte niemand fragen, wovon eigentlich die Rede ist. Besonders ihr Asylchef Pascal Schmid (Jurist und SVP-Nationalrat) scheint Zahlen so zu setzen, dass sie politisch wirken – auch dann, wenn der Kontext fehlt.

Genau darum geht es hier: um Prozentzahlen, die wie Fische durch die Debatte fliegen – und um die einfache Frage, die danach fast immer unter den Tisch fällt: „58 Prozent – wovon?“ Oder auch um Unterstellungen, welche kaum haltbar sind, wie das zweite Beispiel zeigen wird.

Eine ausserordentliche Session zum Thema «Sicherheit» – Framing mit Zahlen

Im März 2026 lief im Parlament eine ausserordentliche Session zum Thema «Sicherheit», in der unter anderem Asyl-Vorstösse behandelt wurden. Dort wurden unter anderem zwei SVP-Vorstösse beraten: die Motion 25.4588 („Mehr Schutz für die Bevölkerung“) und die Motion 25.4589 („Für eine echte Asylstrategie im Interesse der Schweizer Bevölkerung“). (swissinfo.ch)

Auf dem Papier wirkt das alles „gesund und logisch“: Die Bevölkerung soll besser geschützt werden, und die Schweiz brauche endlich eine „echte Asylstrategie“. Schaut man in die Texte, wird klar: Es geht nicht zuerst um Strategie, sondern um Rahmung – und um Zahlen, die genau so gesetzt sind, dass sie politisch knallen.

Und jetzt kommt die Krux: Sobald man die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2025 danebenlegt, beginnen die entscheidenden Fragen – nicht „ob Kriminalität existiert“, sondern was genau gezählt wird und wie daraus politische Aussagen gebaut werden. 2025 registrierte die Polizei 554’963 Widerhandlungen gegen das StGB (–1,5 % gegenüber 2024). Davon wurden 92’147 Personen einer oder mehrerer StGB-Straftaten beschuldigt. Von diesen beschuldigten Personen sind 42,1 % Schweizer Staatsangehörige, 32,3 % ausländische Personen der ständigen Wohnbevölkerung, 5,8 % Asylbevölkerung und 19,8 % übrige Ausländerinnen und Ausländer. (kkpks.ch)

Genau hier entsteht das politische Kunststück: Aus dieser Aufteilung lässt sich bequem „58 %“ machen – aber nur, wenn man: (a) aus beschuldigten Personen in der Sprache plötzlich „Straftaten“ oder „Täteranteile“ macht und (b) Kategorien zusammenzieht, die die Quelle ausdrücklich trennt.

Oder um die Aussage etwas salopp zu formulieren, wenn man einfach alle Zahlen in einen Mixer gibt, den Powerknopf drückt und dann das erst beste Resultat der Öffentlichkeit präsentiert. Das kann man natürlich machen. Doch diese Zahlen werden dann missbraucht und entstellt. (kkpks.ch)

Fragen, die ich mir stelle

Meine Fragen, die ich mir nun stelle, sind simpel: Wer kann Zahlen – das Bundesamt für Statistik oder der Asylchef der SVP, Pascal Schmid? Denn aus seiner Feder dürften – mit hoher Wahrscheinlichkeit – die beiden Motionen stammen, auch wenn sie formal von der Gesamtfraktion eingereicht wurden.

Und dann wird es noch pikanter: Beide Motionen waren bereits hängig, bevor die PKS 2025 veröffentlicht wurde. Umso wichtiger wäre es, offenzulegen, auf welche Datengrundlage sich die Fraktion im Detail stützt. Wie also wusste die Fraktion, „wie hoch die Zahlen wirklich sind“? Vielleicht wusste sie es gar nicht. Vielleicht brauchte sie es auch nicht. Das ist aber – zugegeben – eine Nebenfrage.

Die Hauptfrage ist eine andere, und sie ist entscheidend: Wie grenzt die SVP diese Daten eigentlich ein?

Nimmt sie schlicht alles, was irgendwie nach „Ausländer“ klingt, kippt es in einen grossen „Asyltopf“ – und verkauft das Ergebnis dann als Realität? Oder zieht sie Kategorien zusammen, die die Quelle ausdrücklich trennt?

Das BFS trennt nämlich sehr klar und strikt: Es spricht einerseits von Straftaten und andererseits von beschuldigten Personen. Und bei diesen beschuldigten Personen unterscheidet es wiederum zwischen Schweizer Staatsangehörigen, ausländischer ständiger Wohnbevölkerung, Asylbevölkerung und übrigen Ausländerinnen und Ausländern. (dam-api.bfs.admin.ch)

Wenn man diese Trennung ernst nimmt, wird eine Zahl plötzlich interessant: Die Asylbevölkerung macht gemäss PKS 5,8 % der beschuldigten Personen bei StGB-Delikten aus. Und das ist der Punkt, den man nicht wegframen kann: beschuldigt bedeutet nicht verurteilt. Es bedeutet nicht einmal zwingend „überführt“. Es bedeutet: polizeilich registriert als beschuldigte Person in einem Verfahren – und die PKS weist ausdrücklich darauf hin, dass dieser Status nichts über den späteren Verlauf eines Strafverfahrens aussagt. (kkpks.ch)

Isoliert betrachtet ist diese Zahl sehr viel weniger dramatisch, als es die SVP-Rhetorik nahelegt. Der grosse Effekt entsteht erst dort, wo Kategorien zusammengezogen werden, bis am Ende eine schöne, runde Prozentzahl herausfällt – und niemand mehr fragt, wovon sie eigentlich handelt. Genau dieser Effekt entsteht: viele Zahlen, wenig Nachprüfbarkeit, wenig Tiefe und hohe Empörung.
Genau dieses Muster wird am rechten politischen Rand gezielt bespielt.

Ein Schelm, wer dabei an Zufall glaubt.

Was die Zahlen wirklich sagen – und was nicht

Wenn man die Asyldebatte der SVP liest, fällt etwas auf: Es sind erstaunlich oft keine Argumente, sondern Prozentzahlen. Und Prozentzahlen haben einen Vorteil: Sie klingen objektiv – auch dann, wenn man sie falsch etikettiert, falsch mischt oder falsch zusammenzieht.

Damit wir nicht im Gallierdorf enden, hier der kleine Trickkasten, mit dem man aus Statistik Politik macht.

Facebook Post Pascal Schmid vom 02.04.2026 | Quelle: Screenshot Facebook

Diese 6 Behauptungen sehen wir uns genauer an, denn sie stossen bei mir auf Unverständnis

1) „Straftaten“, „beschuldigten Personen“, „Verurteilte“ – drei verschiedene Welten
Das BFS unterscheidet in der polizeilichen Kriminalstatistik ausdrücklich zwischen Straftaten und beschuldigten Personen. „Beschuldigt“ heisst: polizeilich registriert als beschuldigte Person. Nicht verurteilt. Nicht zwingend überführt. Wer diese Kategorie im Text plötzlich zu „Täteranteil“ oder „Straftaten“ umetikettiert, wechselt die Realität, ohne es zu sagen. (dam-api.bfs.admin.ch)

2) „58 %“ – die magische Zahl aus dem Mixer
Beim BFS sind es (bei StGB-beschuldigten Personen) vier sauber getrennte Gruppen:
Schweizer, ausländische ständige Wohnbevölkerung, Asylbevölkerung, übrige Ausländerinnen und Ausländer. Daraus kann man politisch bequem „58 %“ machen – aber nur, wenn man drei Gruppen zusammenschüttet und dann so tut, als wäre damit bereits erklärt, was gezählt wurde. (dam-api.bfs.admin.ch)

3) Der wichtigste Satz in jeder Statistik: „Wovon?“
Jede Prozentzahl braucht einen Nenner. Sonst ist sie kein Fakt, sondern ein Geräusch.
58 % wovon?
– von beschuldigten Personen?
– von registrierten Straftaten?
– von Verurteilungen?
– von Gefängnisinsassen?
Wer das „wovon“ weglässt, liefert keine Information – er liefert Stimmung.

Alleine diese Auflistung ergibt ein klares Bild. Die Rechtspopulistische Partei nutzt gezieltes Framing, reisst dieses in einen Zusammenhang, der so nicht gegeben ist. Dann wird es als Fakt verkauft. Dies funktioniert deshalb so gut, weil wir mit Prozent rechnen absolute Zahlen verbinden. Ich kann, zum Beispiel, auch behaupten, dass 66 % meiner Freunde religiös sind. Dabei habe ich indes nur drei wirkliche Freunde. Genau so funktioniert der Trick der SVP. Doch gehen wir wieder in die Analyse des Ausgangsposts zurück.

4) Kategorie-Mix: „Asyl“, „illegal“, „Ausländer“ – alles eins, alles schlimm
Wenn eine Partei „Asylmigranten und Illegale“ in einem Atemzug nennt, ist das statistisch meistens schon der erste Fehler. Denn die Quellen unterscheiden diese Gruppen bewusst – aus gutem Grund. Wer sie vermischt, produziert nicht „das grosse Bild“, sondern einen grossen Topf. (dam-api.bfs.admin.ch)

5) Die Abkürzung zum Drama: „ausgewählte Delikte“
Wenn dann noch einzelne Deliktarten (Tötung, Raub, Einbruch) als Prozentblöcke präsentiert werden, muss zwingend dazu: Zeitraum, Definition, Grundgesamtheit, Doppelzählungen. Ohne das sind es Zahlen-Konfetti.

6) Und dann der SRF-Move: Wer widerspricht, ist „Fake News“
Der eleganteste Trick ist nicht einmal statistisch, sondern politisch:
Wenn die Quelle oder die Berichterstattung als „Fake News“ diffamiert wird, verschiebt sich die Debatte weg von „Welche Zahl stimmt?“ hin zu „Wem glauben wir?“ – also weg von überprüfbaren Fakten hin zur Lagerlogik. Genau dort wird aus Statistik ein Fisch, der durchs Dorf fliegt.

Von irreführenden Beschriftungen, Abkürzungen und Vereinfachungen

Zahlen sind, wie bereits erklärt, immer Interpretationssache. Doch um Zahlen einordnen zu können, braucht es eine klare Führung und Einordnung dieser. Wenn diese ausbleibt, geschieht genau dies, was ich im kommenden Abschnitt beschreibe.

1. „58 %“ ist nicht automatisch falsch – aber sehr oft falsch beschriftet

Das BFS sagt nicht „58 % Straftaten“, sondern (in diesem Kontext) 58 % beschuldigten Personen.
Und das BFS definiert „beschuldigte Person“ ausdrücklich so, dass der Status nichts über den späteren Verlauf eines Strafverfahrens aussagt.
Das ist der elegante Punkt: Du musst nicht „Lüge“ schreien – du zeigst, dass die Kategorie gewechselt wurde.

2. Die SVP kann „Asyl + Illegal“ nur dann seriös behaupten, wenn sie sagt, wie sie BFS-Kategorien zusammenzieht

Das BFS trennt Aufenthaltsstatus sehr klar:

  • Ständige ausländische Wohnbevölkerung: B/C/Ci

  • Asylbevölkerung: F/N/S

  • Übrige Ausländer/innen: L/G, Touristen/Besucher, Meldeverfahren, illegal anwesende Personen (mit/ohne Asylverfahren), Status unbekannt etc.

Wenn jemand daraus „Asylmigranten und Illegale“ baut, ist die einzig seriöse Frage: Welche BFS-Kategorien genau sind gemeint? Sonst ist es ein Mixer, keine Statistik.

3. BFS sagt sogar selbst: Nationalitäten/Status sind ohne passende Bezugsgrösse heikel

Das BFS schreibt explizit, dass man für Vergleichbarkeit die Zahl der beschuldigten Personen zur effektiv anwesenden Anzahl in Bezug setzen müsste (Belastungsraten) und warnt vor Überinterpretation – gerade bei kleinen Zahlen.
Und: Die ausgewiesenen beschuldigten Personen umfassen auch Personen, die nicht zur Wohnbevölkerung gehören. Ein Vergleich mit der ständigen Wohnbevölkerung ist daher nur eingeschränkt zulässig.

Schlimmer geht´s nimmer denkst Du? Doch, es geht. Wenn SVP Asylchef Schmid dann öffentlich das SRF angreift und diesem „Fake-News“ unterstellt. Nur, weil dieses sachlich und folgerichtig die Zahlen anders einordnet als er dies gerne hätte. Dies ist einer Demokratie unwürdig und muss verurteilt werden.

Ein Kurz-Audit zum Vorwurf dass „SRF = Fake News“ veröffentlicht – Ein Post der viel sagt und doch nichts

Das ist ein rhetorischer Trick, nicht ein statistischer:

  1. Erst wird die Debatte auf eine Zahl verkürzt („+30 %“).

  2. Dann wird die Gegenquelle delegitimiert („SRF Fake News“).

  3. Damit muss man nicht mehr über Bezugsgrössen reden, sondern nur noch über „wem glaubst du?“.

Faktisch zeigt das BFS zugleich ein gemischtes Bild:

  • StGB total 2025 –1,5 % vs 2024

  • schwere Gewaltstraftaten +8,1 %
    → „Good News" oder “Bad News“ hängt an der Kennzahl. Wer stattdessen „Fake News“ ruft, wechselt das Spielfeld.

Framing um des Framings willen

Die SVP arbeitet in dieser Debatte nicht zuerst mit Argumenten, sondern mit Prozentzahlen. Das Problem ist nicht die Zahl. Das Problem ist der Nenner.

Das BFS sagt in der polizeilichen Kriminalstatistik 2025: Von 92’147 polizeilich registrierten beschuldigten Personen (StGB) sind 42,1 % Schweizer Staatsangehörige, 32,3 % ausländische ständige Wohnbevölkerung, 5,8 % Asylbevölkerung und 19,8 % übrige Ausländerinnen und Ausländer.

Aus diesen vier Kategorien wird politisch bequem „58 %“. Das kann man machen – aber dann muss man auch ehrlich sagen, wovon diese 58 % handeln: nicht von Straftaten, nicht von Verurteilungen, sondern von beschuldigten Personen. Und das BFS definiert „beschuldigt“ ausdrücklich so, dass es über den späteren Ausgang eines Strafverfahrens nichts aussagt.

Ein Post, der mehr sagt über den Verfasser und dessen zahlen Verständnis – und dessen Analyse

In seinem Facebook Post vom 2. April 2026 behauptet Pascal Schmid vieles. Doch er verzichtet auf eine klare Einordnung. Ich habe dies für ihn übernommen.

Claim 1 (Zitat): „Die Schweiz wird immer unsicherer – wegen importierter Gewalt.“
Audit-Notiz: Das ist eine Kausalbehauptung ohne definierte Messgrösse („unsicherer“) und ohne Beleg dafür, dass der behauptete Trend primär „importiert“ sei.

Claim 2 (Zitat): „… SRF-Tagesschau behauptet … ‚Good News‘ … diese ‚Good News‘ sind Fake News …“
Audit-Notiz: Das ist ein Quellenangriff, der das gemischte Befundbild unterschlägt: Das BFS meldet für 2025 insgesamt –1,5 % StGB-Straftaten, gleichzeitig +8,1 % schwere Gewaltstraftaten – beides kann zugleich wahr sein.

Claim 3 (Zitat): „Fakt ist: Seit 2019 ist die Kriminalität in der Schweiz um 30 Prozent angestiegen!“
Audit-Notiz: Ohne Angabe welcher Kennzahl (StGB total? Gewalt? Anzeigen? Pro Kopf?) ist „+30 % seit 2019“ nicht prüfbar – und in der BFS-Mitteilung steht diese 2019-Zeitreihe so nicht.

Jetzt bist Du sicher noch verwirrter als zuvor. Ich auch. Aber Pascal Schmid will nicht, dass Du die Zahlen genauer unter die Lupe nimmst. Deshalb mache ich dies weiter führend für ihn und analysiere seine Zahlen gegen die Realität. Ich möchte erreichen, dass Du in diesem Frappé der Zahlen den Durchblick behältst.

Claim 4 (Zitat): „Sinkend ist mit 42 % nur der Anteil der Schweizer …“
Audit-Notiz: Das „42 %“ ist beim BFS 42,1 % – aber ausdrücklich der Anteil an polizeilich registrierten beschuldigten Personen (StGB), nicht „Anteil an Täter*innen“ und nicht „Anteil an Straftaten“.

Claim 5 (Zitat): „… während 58 % der Straftaten von Ausländern begangen wurden.“
Audit-Notiz: Die BFS-Quelle liefert hier Anteile an beschuldigten Personen (nicht an Straftaten) und trennt zudem Aufenthaltskategorien; „58 % Straftaten“ ist damit mindestens ein Etiketten- und Kategorienwechsel.

Claim 6 (Zitat): „26 % aller Straftaten, 37 % der Tötungsdelikte, 36 % der Raubüberfälle und 62 % der Einbrüche gehen auf Kosten von Asylmigranten und Illegalen – jede vierte Straftat!“
Audit-Notiz: Diese Prozentblöcke sind ohne Tabellen-/Datensatzbezug und ohne definierte Kategorie („Asylmigranten und Illegale“ ist keine BFS-Standardkategorie) nicht verifizierbar und riechen nach „Mixer statt Statistik“.

Nun geht der Mixer in den Schlussspurt über. Keine Panik, nach den letzten beiden Claims ist der Zahlenmixer abgestellt. Versprochen!

Claim 7 (Zitat): „Diese verhältnismässig kleine Gruppe ist überdurchschnittlich kriminell …“
Audit-Notiz: „Überdurchschnittlich“ setzt eine Belastungsrate (pro passende Grundgesamtheit) voraus, und das BFS warnt ausdrücklich davor, solche Raten – besonders bei kleinen Zahlen – zu überinterpretieren.

Claim 8 (Zitat): „Mehr Sicherheit gibt es nur mit weniger Zuwanderung und vor allem weniger Asylmigration …“
Audit-Notiz: Das ist eine politische Schlussfolgerung („nur mit“), die aus den zuvor präsentierten, teils unklaren Kennzahlen logisch nicht folgt, sondern als Programm gesetzt wird.

Der SVP Asyl Stratege setzt in einem Post acht Framings ein. Doch er bleibt einer klaren Zuordnung, wie dies seine Pflicht wäre als redlicher und integrer Politiker, weit fern. Keine der Behauptungen, die er aufstellt, setzt er in einen statistischen Kontext. Er liefert also, um es salopp zu formulieren, leere Luft. Oder eher einen Fisch, der vom Kopf her stinkt.

Das Oster-Framing: viel Empörung, wenig Prüfbarkeit

Ein weiteres Beispiel ist der unten gezeigte Screenshot mit dem „Beweis“, dass Ukrainer angeblich über die Ostern ihre Verwandten und Bekannten in ihrem Heimatland besuchen. Klingt ganz krass. Es schreit direkt nach Eingreifen durch den Staat. Doch im Post wechselt Schmid vom Zahlen-Frame in den Empörungs-Frame: „Osterferien in Kiew bis Montag, Schweizer Sozialhilfe ab Dienstag?“ Das funktioniert als Schlagzeile – aber nicht als Argument. Wie kann er sicher sein, dass dies nicht hier legal arbeitende Ukrainer sind, welche zu ihren Eltern zurückfahren sie besuchen wollen und mit ihnen einige Zeit verbringen wollen? Ist dies verboten?

Oster Framing von Pascal Schmid | Quelle: Screenshot Facebook

Und „Ostern“ ist hier bereits ein Trickwort. Orthodoxes Ostern fällt 2026 auf den 12. April – der Post spielt Anfang April. Gleichzeitig fallen die Schweizer Osterferien (westliches Ostern) in diese Zeit.

Mit anderen Worten: Der Post tut so, als sei „Ostern in Kiew“ ein eindeutiges Indiz – obwohl er zwei Kalender und zwei Kontexte vermischt. Das ist kein Beleg. Das ist ein Trigger.

Claim 1 (Zitat): „Osterferien in Kiew bis Montag, Schweizer Sozialhilfe ab Dienstag?“
Audit-Notiz: Das ist ein rhetorischer Einstieg mit Einzelfall-/Anekdotenlogik, der eine systemische Aussage vorbereitet, ohne eine statistische Basis zu liefern.

Claim 2 (Zitat): „Wer im Heimatland Ferien macht … muss seinen Asyl- oder Schutzstatus … umgehend verlieren.“
Audit-Notiz: Das ist eine harte Rechtsfolge-Forderung, die ohne definierte Kriterien (Beweislast, Ausnahmen, Statusarten, Verfahren) rechtlich wie praktisch nur als Schlagwort funktioniert.

Claim 3 (Zitat): „… Scheininflüchtlingen aus aller Welt … ausgenutzt …“
Audit-Notiz: „Scheininflüchtlinge“ ist ein politischer Sammelbegriff ohne operationalisierte Definition und verhindert damit genau die Prüfbarkeit, die er behauptet.

Diese drei Claims reichen um das Prinzip der SVP offenzulegen. Die folgenden drei sind jedoch so plump konstruiert, dass sie dennoch eine weiteren Analyse bedürfen.

Claim 4 (Zitat): „… Erhöhung der Sozialhilfe für Ukrainer … ab Mitte 2027 …“
Audit-Notiz: Das ist eine konkrete Behauptung (Zeitpunkt + Mechanismus „Angleichung“) – sie ist prinzipiell belegbar, wird im Post aber nicht belegt, sondern als Empörungssignal genutzt.

Claim 5 (Zitat): „Erste SVP-Vorstösse … im Nationalrat hochkant, im Ständerat knapp abgelehnt (Motionen 25.3302 / 25.4685).“
Audit-Notiz: Das ist ein überprüfbarer Parlaments-Claim, der im Post als Autoritätsbeweis dient („wir wollten, die anderen nicht“), aber ohne Kontext der Motionstexte/Abstimmungsgründe.

Claim 6 (Zitat): „Ein weiterer SVP-Vorstoss … unterwegs … – so nicht!“
Audit-Notiz: Das ist Mobilisierungssprache: Sie ersetzt Begründung durch Haltung und schliesst Debatte („so nicht“) statt sie zu öffnen.

Hannah Arendt, die SVP und das Politik Verständnis

Diese Entwicklung – Zahlen als Munition, Kontext als Kollateralschaden – ist nicht neu. Hannah Arendt hat sie in ihrem Essay „Wahrheit und Politik“ (aufgenommen in Zwischen Vergangenheit und Zukunft) messerscharf beschrieben. Sie beginnt trocken mit einem Satz, der wie ein Schulterzucken klingt und genau deshalb so weh tut: „Niemand hat je bezweifelt, dass es um die Wahrheit in der Politik schlecht bestellt ist.“

Arendt trennt dabei nicht Haarspalterei von Philosophen, sondern das Fundament der Demokratie: Meinungen dürfen streiten, aber Tatsachen dürfen nicht beliebig werden. Sobald politische Kommunikation Tatsachen so behandelt, als wären sie nur „Standpunkte“, kippt die Debatte. Dann gewinnt nicht automatisch „die bessere Meinung“, sondern die bequemere Erzählung – und wer die Erzählung kritisiert, bekommt statt Antwort das Etikett „Fake News“. Genau diese strukturelle Schieflage beschreibt Arendt: Gegenüber Macht und Interessen ist Wahrheit im Konfliktfall systematisch im Nachteil.

Und damit sind wir wieder bei unserem Fisch: Ist er wirklich verdorben – oder wird er nur so lange „stinkend“ genannt, bis das ganze Dorf prügelt und keiner mehr fragt, wovon eigentlich die Rede ist? Im Gallierdorf entscheiden am Ende die Götter. In der Demokratie sollten es Quellen, Begriffe und saubere Nenner sein.