Einstieg
Dieses Dossier verfolgt die lange Geschichte solcher Feindbilder. Es beginnt nicht erst dort, wo Gewalt sichtbar wird. Es fragt früher: Wie wird aus politischem Streit moralische Ausgrenzung? Wie wird aus Angst ein Narrativ? Wie wird aus einem Gegner ein Feind? Und warum sind Menschen immer wieder bereit, solchen Bildern zu glauben, sie weiterzutragen oder sogar in ihrem Namen zu handeln?
Der historische Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung vom Antibolschewismus des 20. Jahrhunderts über Faschismus, Kollaboration, Kalten Krieg und antikommunistische Narrative bis zu heutigen Formen politischer Zuspitzung. Doch dieses Dossier will Feindbilder nicht nur politisch oder historisch betrachten. Es fragt auch philosophisch, ethisch und theologisch nach ihren Grundlagen.
Denn Feindbilder berühren mehr als Parteipolitik. Sie berühren das Menschenbild. Sie berühren die Frage nach Schuld und Verantwortung. Sie berühren die Fähigkeit, Wirklichkeit von Propaganda zu unterscheiden. Sie berühren den Glauben, wenn Religion zur Abgrenzung oder zur Rechtfertigung von Macht missbraucht wird. Und sie berühren persönliche Erfahrungen, weil jeder Mensch irgendwann erlebt, wie schnell aus Unverständnis Abwertung werden kann.
Deshalb verbindet dieses Dossier mehrere Ebenen: Geschichte, Politik, Philosophie, Ethik, Theologie und persönliche Erfahrung. Es geht nicht darum, alles vorschnell gleichzusetzen. Nicht jede harte politische Auseinandersetzung ist Faschismus. Nicht jede Angst ist Propaganda. Nicht jeder Irrtum ist Schuld.
Aber die entscheidende Frage bleibt: Wann beginnt eine Gesellschaft, Menschen nicht mehr als Menschen zu sehen, sondern als Problem, Bedrohung oder Feind?
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