Schweiz 2026 – Jetzt zählt nur noch Gold {#schweiz-2026}

Christian Wejse #65, Oliver Lauridsen #25, Nino Niederreiter #22, Kevin Fiala #21, IIHF World Championship 2025 Semifinal SUI - DEN | Quelle: © Puckfans.at / Andreas Robanser

Schweiz 2026 – Jetzt zählt nur noch Gold

Wieder USA.
Wieder Tempo.
Wieder diese Frage: Reicht es diesmal?

Nur ist die Ausgangslage eine andere.

Die Schweiz kommt nicht mehr als sympathischer Herausforderer, der hofft, irgendwie lange genug im Spiel zu bleiben. Diese Zeit ist vorbei. Dieses Team gehört inzwischen zur Weltspitze. Nicht in der Theorie. Nicht als hübsche Entwicklungsgeschichte. Sondern auf dem Eis, im Kader, in der Erfahrung, in den Namen und in der Erwartung.

Darum ist die Frage an dieser Heim-WM auch nicht mehr:

Kommt die Schweiz ins Viertelfinal?
Kann die Schweiz eine Medaille holen?

Die Frage lautet:

Wird die Schweiz im eigenen Land endlich Weltmeister?

Das klingt gross. Vielleicht sogar etwas unverschämt. Aber genau dort ist die Schweizer Nationalmannschaft inzwischen angekommen. Wer mit Roman Josi, Nico Hischier, Timo Meier, Nino Niederreiter, Pius Suter, Leonardo Genoni, Reto Berra, Denis Malgin, Sven Andrighetto, Dean Kukan und weiteren starken Spielern an eine Heim-WM geht, darf sich nicht mehr kleinreden.

Das wäre falsche Bescheidenheit.
Und falsche Bescheidenheit gewinnt keine Weltmeisterschaft.

Artturi Lehkonen #62, Leonardo Genoni #63, Sebastian Aho #20, Nico Hischier #13, Olympic Games 2026 Mens QF FIN - SUI, Milano Rho Ice Park | Quelle: © Puckfans.at / Andreas Robanser

Der Start gegen die USA als Prüfstein

Das erste Spiel gegen die USA wird sofort zeigen, wo diese Schweizer Mannschaft steht. Es ist kein gemütliches Einrollen ins Turnier. Kein „wir schauen mal, wie die Beine sind“.

Nein.

Direkt USA.
Direkt Tempo.
Direkt Talent.
Direkt Körper.
Direkt die Erinnerung an das verlorene Finale.

Das kann gefährlich sein. Aber es kann auch genau richtig sein.

Ein solcher Start zwingt die Schweiz sofort in den Turniermodus. Keine langen Erklärungen, keine Schonfrist, kein Verwaltungsauftakt. Wer gegen die USA besteht, sendet ein Signal an die ganze Gruppe. Wer die USA schlägt, nimmt nicht nur Punkte mit. Er nimmt auch Selbstverständnis mit.

Und genau darum geht es.

Die Schweiz muss an dieser Heim-WM nicht mehr beweisen, dass sie mithalten kann. Das hat sie längst getan. Sie muss beweisen, dass sie den letzten Schritt gehen kann.

Den Schritt von „sehr gut“ zu „fertig“.
Von „Finalist“ zu „Weltmeister“.

Gegen die USA wird es nicht nur um Punkte gehen. Es wird um Tonlage gehen. Um Körpersprache. Um die Frage, ob die Schweiz dieses Turnier als Gastgeber mit breiter Brust annimmt oder ob sie sich vom Gewicht der eigenen Erwartung irritieren lässt.

Ich glaube: Diese Mannschaft kann damit umgehen.

Der Kader – kein Traum, sondern Realität

Der Schweizer Kader ist stark. Nicht ein bisschen stark. Richtig stark.

Im Tor stehen mit Leonardo Genoni, Reto Berra und Sandro Aeschlimann drei Optionen bereit, die international bestehen können. Genoni ist Erfahrung, Ruhe und Titelinstinkt. Berra bringt Grösse, Routine und internationale Abgeklärtheit. Aeschlimann gibt zusätzliche Tiefe.

Das ist ein Torhütertrio, mit dem man in ein Heimturnier gehen kann, ohne nachts schweissgebadet aufzuwachen.

Natürlich wird die Torhüterfrage trotzdem wichtig. An einer WM entscheidet ein Goalie nicht jedes Spiel allein, aber er kann den Unterschied machen, wenn ein Spiel kippt. Gerade in einem Halbfinal oder Final braucht es diesen einen Save, der nicht einfach ein Save ist, sondern ein Moment.

Ein Stopp, nach dem die Bank aufsteht und denkt:

Ja.
Heute gehören wir hierher.

Die Schweiz hat diese Möglichkeit.

In der Verteidigung stehen Namen, die jedem Gegner Respekt abverlangen. Roman Josi ist der Fixstern. Wenn er dabei ist, verändert sich die gesamte Statik der Mannschaft. Josi ist nicht nur ein Verteidiger. Er ist Spielmacher, Taktgeber, Tempoverstärker, Powerplay-Waffe und emotionaler Orientierungspunkt. Er kann ein Spiel aus der eigenen Zone heraus öffnen, bevor andere überhaupt gesehen haben, dass es offen ist.

Dazu kommen Dean Kukan, Sven Jung, Lukas Frick, Christian Marti, Tim Berni, Dominik Egli, Fabian Heldner, Giancarlo Chanton und Simon Seiler. Das ist eine starke Mischung aus Erfahrung, Stabilität, Beweglichkeit und National-League-Härte.

Falls JJ Moser wie erwartet noch dazustösst, bekommt diese Defensive nochmals mehr internationale Qualität, mehr NHL-Schwere und mehr Flexibilität.

Die Schweiz hat in der Verteidigung nicht nur Namen. Sie hat Rollen. Genau das ist entscheidend.

Josi kann das Spiel tragen.
Kukan kann stabilisieren.
Marti kann körperlich arbeiten.
Egli kann Tempo und Offensive einbringen.
Berni bringt internationale Erfahrung und Mobilität.
Frick, Jung, Heldner, Chanton und Seiler geben Tiefe, Optionen und Absicherung.

Das ist nicht mehr die Schweizer Verteidigung früherer Jahre, die gegen grosse Nationen vor allem überleben wollte. Diese Defensive kann Spiele aktiv mitgestalten.

SUI U20 Head Coach Jan Cadieux, World Juniors 2026 QF CZE- SUI, 3M Arena at Mariucci, Minneapolis | Quelle: © Puckfans.at / Andreas Robanser

Der Sturm – Wucht, Tempo und genug Tiefe

Vorne wird es richtig spannend. Nico Hischier, Timo Meier, Nino Niederreiter und Pius Suter sind die grossen internationalen Namen. Dazu kommen Denis Malgin, Sven Andrighetto, Calvin Thürkauf, Damien Riat, Ken Jäger, Yannick Frehner, Christoph Bertschy, Simon Knak, Nicolas Baechler, Théo Rochette, Attilio Biasca und Tyler Moy.

Das ist ein Sturm, der mehrere Dinge kann.

Er kann Tempo.
Er kann Druck.
Er kann Forechecking.
Er kann Abschluss.
Er kann Erfahrung.
Er kann auch unangenehm werden.

Nico Hischier ist dabei vielleicht der wichtigste Spieler, weil er so vollständig ist. Er ist nicht nur ein schöner Name aus der NHL. Er ist ein Center, der Verantwortung in beide Richtungen übernimmt. Er kann offensiv gestalten, defensiv stabilisieren, Bullys nehmen, Tempo lenken und eine Linie erwachsen machen.

Für ein Turnierteam ist das Gold wert. Vielleicht sogar wörtlich.

Timo Meier bringt Wucht und Abschluss. Er ist einer dieser Spieler, die ein Spiel physisch verändern können. Wenn Meier geradeaus spielt, wenn er zum Tor geht, wenn er den Körper einsetzt und nicht nur den schönen Abschluss sucht, dann wird er für jeden Gegner mühsam.

Genau diese Mühsamkeit braucht die Schweiz.

Nino Niederreiter bringt Erfahrung, Härte und diesen Turnierinstinkt, der in engen Spielen wichtig wird. Er weiss, wo es weh tut. Und er geht trotzdem hin. Das ist keine Kleinigkeit. Weltmeisterschaften werden nicht nur mit schönen Pässen gewonnen. Sie werden auch dort gewonnen, wo der Puck irgendwo vor dem Tor liegt und jemand schneller bereit ist, Schmerz gegen Chance zu tauschen.

Juuse Saros #74, Nikolas Matinpalo #33, Nino Niederreiter #22, Olli Määttä #3, Olympic Games 2026 Mens QF FIN - SUI, Milano Rho Ice Park | Quelle: © Puckfans.at / Andreas Robanser

Pius Suter ist einer dieser Spieler, die man manchmal erst dann richtig vermisst, wenn sie nicht da sind. Intelligent, ruhig, effizient, stark in den kleinen Entscheidungen. Solche Spieler machen Linien stabil. Und stabile Linien gewinnen Turniere.

Dahinter hat die Schweiz genug Qualität, um nicht nur von den NHL-Namen zu leben. Malgin und Andrighetto bringen Kreativität und Spielwitz. Thürkauf bringt Wucht, Leadership und National-League-Dominanz. Bertschy bringt Energie. Riat und Jäger geben Tempo und Arbeit. Frehner, Knak, Baechler, Rochette, Biasca und Moy geben Tiefe, Frische und Optionen.

Falls Philipp Kurashev noch dazustösst, würde der Sturm nochmals eine weitere kreative Komponente erhalten. Kevin Fiala ist in dieser Vorschau nicht als sichere Grösse eingerechnet. Das ist schade, aber kein Grund, die Schweizer Chancen kleinzureden.

Dieser Kader ist auch ohne ihn stark genug, um Weltmeister zu werden.

Jan Cadieux – kein Anfänger an der Bande

Mit Jan Cadieux steht ein neuer Nationaltrainer an der Bande, aber kein Trainer, der erst lernen muss, was Druck bedeutet. Cadieux hat als Trainer die Champions Hockey League gewonnen, war Schweizer Meister und arbeitete zuletzt mit der U20.

Das ist eine interessante Kombination.

Er kennt den Druck grosser Spiele.
Er kennt Schweizer Spieler.
Er kennt internationale Anforderungen.
Er weiss, wie man mit jungen Spielern arbeitet.
Und er weiss, dass dieses Turnier nicht einfach ein schönes Heimfest ist.

Gerade die U20-Erfahrung könnte wertvoll sein. Eine Nationalmannschaft ist kein Clubteam, das man über Monate formen kann. Man muss schnell Rollen verteilen, Vertrauen schaffen, klare Prinzipien setzen und gleichzeitig die Emotionen kontrollieren.

Bei einer Heim-WM kommt dazu noch der Lärm.

Erwartungen.
Medien.
Fans.
Familie.
Umfeld.

Alles ist näher. Alles ist lauter.

Christoph Bertschy #88, Nick Saracino #18, Olympic Games 2026 Mens QG SUI - ITA, Milano Rho Ice Arena | Quelle: © Puckfans.at / Andreas Robanser

Ich glaube aber, dass diese Schweiz mit dieser Euphorie umgehen kann.

Warum? Weil der Kern der Mannschaft schon viel gesehen hat. Josi, Niederreiter, Hischier, Meier, Genoni, Berra, Kukan, Suter, Andrighetto, Malgin und andere sind keine Spieler, die von einer vollen Halle plötzlich überrascht werden wie ein Junior vor der ersten Matheprüfung.

Diese Mannschaft kennt grosse Spiele. Und sie kennt auch Schmerz.

Gerade das verlorene Finale des Vorjahres kann eine Last sein. Oder Treibstoff.

Wenn Cadieux es schafft, diese Energie richtig zu kanalisieren, wird die Heim-WM kein Problem. Dann wird sie ein Vorteil.

Die Gruppe – Platz eins ist mehr als Kosmetik

In Gruppe A geht es für die Schweiz nicht nur darum, irgendwie gut durchzukommen. Es geht um Platz eins. Oder zumindest um die Frage, ob die Schweiz vor den USA und Finnland landen kann.

Das ist wichtig.

Natürlich kann man Weltmeister werden, ohne die Gruppe zu gewinnen. Aber der Weg wird schwieriger. Die Viertelfinalpaarung, die Dynamik, der Rhythmus, das Selbstverständnis — alles hängt daran.

Wer diese Gruppe gewinnt, setzt ein Zeichen. Wer hinter den USA oder Finnland landet, ist nicht gescheitert, muss aber sofort mehr Gegenwind einplanen.

Die USA bringen Tempo, Talent und Tkachuk-Feuer. Finnland bringt Kontrolle, Struktur und Barkov-Lundell-Qualität. Deutschland und Lettland können unangenehm werden. Österreich ist kein Gegner, den man im Schlaf erledigt. Ungarn und Grossbritannien müssen geschlagen werden, ohne unnötige Diskussionen aufzumachen.

Für die Schweiz heisst das:

Pflichtsiege müssen Pflichtsiege sein.
Keine Verlängerung gegen Teams, die man schlagen muss.
Keine verschlafenen ersten Drittel.
Keine „wir hatten eigentlich genug Chancen“-Abende.

Wenn man Weltmeister werden will, darf man in der Gruppenphase nicht anfangen, Punkte wie Kleingeld in der Sofaritze zu verlieren.

Die Schlüsselspiele sind klar: USA und Finnland. Dort entscheidet sich, ob die Schweiz die Gruppe kontrollieren kann oder ob sie reagieren muss. Und gerade das USA-Spiel zum Auftakt hat diese zusätzliche Bedeutung.

Es ist nicht nur ein Gruppenspiel.
Es ist der erste Satz des ganzen Turniers.

Denis Malgin #62, IIHF World Championship 2025 Semifinal SUI - DEN Avicii Arena, Stockholm | Quelle: © Puckfans.at / Andreas Robanser

Warum der Titel möglich ist

Die Schweiz kann Weltmeister werden, weil sie inzwischen alles hat, was ein Weltmeister braucht.

Sie hat Torhüter.
Sie hat Eliteverteidiger.
Sie hat NHL-Stürmer.
Sie hat National-League-Tiefe.
Sie hat Erfahrung.
Sie hat Tempo.
Sie hat Heimvorteil.
Sie hat Finalschmerz.
Sie hat Erwartung.

Das klingt fast zu schön. Aber genau deshalb muss man auch die Gefahr benennen: Die Schweiz darf nicht an ihrer eigenen Fallhöhe ersticken. Sie darf nicht anfangen, das Turnier zu sehr zu erklären. Sie muss es spielen.

Einfach.
Klar.
Hart.
Geduldig.

Nicht jeder Angriff muss ein Statement sein. Nicht jedes Powerplay muss nach Kunst aussehen. Nicht jedes Spiel muss emotional explodieren.

Weltmeister wird nicht immer das schönste Team. Weltmeister wird das Team, das im entscheidenden Moment richtig handelt.

Ein Block zur richtigen Zeit.
Ein Save zur richtigen Zeit.
Ein Bullygewinn zur richtigen Zeit.
Ein hässliches Tor zur richtigen Zeit.
Ein kühler Kopf, wenn die Halle kocht.

Die Schweiz hat oft genug gezeigt, dass sie schön spielen kann. Jetzt muss sie zeigen, dass sie gewinnen kann, wenn es nicht schön ist.

Die mögliche Finalspur

Ich lege mich hier klar fest: Wenn die Schweiz gesund bleibt, ihre Rollen findet und die Euphorie richtig nutzt, gehört sie in den Final. Nicht vielleicht. Nicht mit viel Glück. Sondern als realistisches Ziel.

Dort könnten Kanada, Schweden, Finnland oder erneut die USA warten.

Kanada bringt Starpower und Tiefe.
Schweden bringt Struktur, Talent und Breite.
Finnland bringt Kontrolle und Geduld.
Die USA bringen Tempo, Wucht und diese gefährliche Mischung aus Jugend und NHL-Qualität.

Ein erneutes Finale gegen die USA wäre natürlich die grosse dramatische Klammer.

Auftakt gegen die USA.
Finale gegen die USA.
Letztes Jahr dort verloren.
Dieses Jahr im eigenen Land die Rechnung begleichen.

Man müsste fast misstrauisch werden, wenn ein Drehbuchautor das so einreichen würde.

Aber Eishockey ist kein Drehbuch. Eishockey ist ein Turnier. Und Turniere sind gnadenlos.

Ein schlechtes Drittel kann reichen.
Eine unnötige Strafe kann reichen.
Ein Pfostenschuss kann reichen.

Deshalb ist die Schweiz nicht automatisch Weltmeister. Aber sie ist gut genug, um es zu werden.

Und genau das ist der Unterschied zu früher.

Früher fragte man: Können wir die Grossen ärgern?
Heute fragt man: Können wir die Grossen schlagen, wenn es zählt?

Die Antwort lautet:

Ja.

Nico Hischier | Quelle: © Puckfans.at / Andreas Robanser

Prognose – diese Schweiz muss nach Gold greifen

Die Schweiz ist an dieser Heim-WM nicht einfach Gastgeber. Sie ist nicht einfach Mitfavorit. Sie ist eines der Teams, an denen dieses Turnier gemessen wird.

Das ist ungewohnt. Aber verdient.

Platz eins in der Gruppe ist möglich. Nicht einfach, aber möglich. Die USA und Finnland sind stark genug, um jeden Fehler zu bestrafen. Aber die Schweiz hat genug Qualität, um beide zu schlagen.

Entscheidend wird sein, wie schnell Cadieux seine Linien findet, wie stabil das Torhüterduo oder -trio funktioniert, wie stark die Special Teams sind und ob die Topspieler ihre Rollen nicht nur individuell, sondern als Gruppe ausfüllen.

Für mich ist klar: Diese Mannschaft gehört mindestens ins Halbfinale. Alles darunter wäre eine Enttäuschung. Der Final ist realistisch. Und der Titel ist kein Traum mehr, sondern ein erreichbares Ziel.

Das ist vielleicht der grösste Satz vor dieser Heim-WM:

Die Schweiz kann Weltmeister werden.

Nicht irgendwann.
Nicht theoretisch.
Jetzt.

Im eigenen Land.