Hair – Ein Film sagt mehr über mich, als ich dachte

Hair, das Filmplakat | Quelle: Screenshot

Neulich habe ich wieder Hair geschaut. Der Film stammt aus dem Jahr 1979 und spielt im Amerika der späten Vietnam-Zeit.
Und auf einmal dachte ich: Das ist mein Leben.
Was nun folgt, ist keine Filmkritik, sondern eine Reise durch meine Welt.

Am Ende von Hair schwenkt die Kamera vom Weissen Haus auf die Menge. Sie singt Let the Sunshine In. Berger ist tot. Der Film ist vorbei, aber eigentlich beginnt er für mich erst dort. Vielleicht, weil ich mich lange eher in Claude wiedergefunden habe. Und vielleicht, weil ich heute mehr Berger bin, als mir früher lieb oder überhaupt möglich gewesen wäre.

Dabei beginnt der Film ganz anders. Claude Hooper Bukowski wird von seinem Vater an einer Greyhound-Haltestelle in Oklahoma verabschiedet. Irgendwo im Nirvana des mittleren Westens. Sein Ziel: die Aushebung in New York. Der junge Mann steht dort mit Krawatte und einem braunen Sacko, das eher schlecht als recht sitzt. Der Vater steckt ihm noch Geld zu und sagt: „Pass auf dich auf, Junge.“ Klar, antwortet dieser.

“Up with people” - mehr als nur ein Auslandjahr

Genau das kam mir seltsam bekannt vor. Auch ich kam aus einem sicheren Umfeld. Nachdem ich bei der SBB meine Lehre als Betriebsdisponent abgeschlossen hatte, erhielt ich die Gelegenheit, mit Up with People zu reisen. Auf in die USA. Upps. Das könnte etwas Grosses werden. Nur wusste ich das damals noch nicht. Damals war ich noch näher bei Claude als bei Berger: geordnet, suchend, unterwegs, aber innerlich noch längst nicht dort angekommen, wo ich später einmal stehen würde.

Zuerst dachte ich nicht an die Anstrengungen, die da noch kommen würden. Ich war ja eher der behütete Claude, der einfach hinaus in die weite Welt fahren würde, um etwas zu erleben. Dass wir teilweise zehn bis fünfzehn Stunden im Bus sitzen würden? Geschenkt. Dass wir jeden zweiten Tag, manchmal fast im Rhythmus eines Wanderzirkus, in einer neuen Stadt eine neue Show spielten und dazu noch bei Gastfamilien übernachteten? Ebenfalls geschenkt.

Für mich war das damals pures Erleben. Mit rund 150 anderen jungen Leuten, die einfach eine gute Zeit haben wollten.
Was daraus werden würde, wusste ich nicht.

Zum Beispiel Auftritte vor 150’000 Menschen bei einem IndyCar-Rennen. Oder bei AmeriFlora ’92 vor dem damaligen US-Präsidenten George H. W. Bush. Oder an der Weltausstellung in Sevilla, wo die Welt plötzlich begehbar wurde – und selbst Roxette irgendwann dazugehörte. Für den jungen Mann von damals war all das irgendwann einfach Teil dieser neuen Welt. All das konnte ich an diesem 5. Januar 1992 noch nicht wissen. Und doch wurde dieses Jahr für mich nicht nur eine Reise, die mich näher zu mir brachte. Es wurde auch ein Bruch mit der Vergangenheit. Ganz ähnlich wie bei Claude.

Es war das Tanzen in der Gruppe, das Singen mit diesen Menschen, das Auf- und Abbauen der Bühne. Es waren auch die karitativen Dinge, die wir taten, um den Gemeinden etwas zurückzugeben. Nicht nur, dass wir dort waren, sondern dass wir Spuren hinterlassen konnten. Darauf komme ich später noch zurück.

Lacht mit mir - Ich und tanzen und singen?

So gross und prägend dieses Jahr auch war: Ich wurde dadurch nicht plötzlich zum geborenen Bühnenmenschen. Ich war weder wirklich gut im Tanzen noch im Singen. Beides funktionierte wohl am ehesten unter der Dusche. Aber sonst? Da hülle ich mich lieber in Schweigen. Ich war ja auch kein ausgebildeter Sänger oder Tänzer, wie es die Leute von Hair waren.

Dennoch war dieses Jahr unglaublich spannend. Dort lernte ich so viel über Technik, dass es mich nach der Rückkehr aus diesem einmaligen Jahr in den PC-Support verschlug. Bis auf 18 Monate auf dem Jungfraujoch in den Jahren 2004/05 blieb ich dieser Sparte danach treu.

Doch wirklich angekommen war ich auch dort nie. Es war spannend, abwechslungsreich und auf eine gewisse Weise auch befriedigend. Aber das, was ich mir eigentlich erträumt hatte, konnte ich nie wirklich umsetzen. Es war, als würde ich mich in einem Hamsterrad bewegen: funktionieren, Probleme lösen, weiter zum nächsten Kunden. Immer unter Strom. Immer unter Druck. Und nie wirklich zuhause in einem Gebiet.

Burn-Out - Na und? - Weitergeht es!

Den Preis dafür zahlte ich Anfang 2011 mit meinem ersten Burnout. Und hier setzte jener Bruch ein, der mich stärker in Richtung Berger führte, als ich damals überhaupt wahrhaben wollte.

Ja, ich konnte nicht mehr. Ich, der immer unter Strom war: Eishockey, Beruf, Reisen, weiter, nächstes Jahr, wieder genau das Gleiche. Kein Halten. Immer suchend, aber nie wirklich findend. Es war mir irgendwann fast egal, dass ich in einem Jahr mehr Eishockeyspiele sah, als ich eigentlich noch ertragen konnte. Ich hielt mich für den Hansdampf in allen Gassen. Dass sich das eines Tages rächen würde, war mir nicht bewusst. Vor allem, weil ich schon immer so gewesen war. Und weil ich wusste, dass ich ADHS habe. Also hielt ich das alles schlicht für einen Teil von mir.

Ohne Hund gehe ich niergends hin | Quelle: Urs Berger

Ich nahm das erste Burnout nicht als Warnzeichen wahr. Sondern als: Kann geschehen. Weiter wie gewohnt.
Das rächte sich. Zum Glück.
Denn genau dadurch begann ich, mich endlich zu finden.

Als der nächste Zusammenbruch kam, musste ich entscheiden: Was will ich tun? Weiter so? Oder endlich einen oder zwei Gänge zurückschalten? Ich wusste es nicht. Und ich stürzte ab.
Heute weiss ich: Es war nötig.

Durch diesen erneuten Rückschlag lernte ich mich besser kennen. Ich merkte, dass ich mehr auf mich achten musste. Und genau dort öffneten sich bei mir die Schleusen.

Wobei „Schleusen“ eigentlich untertrieben ist. Es war eher ein Tsunami. Endlich wurden weitere Abklärungen gemacht. Und, Surprise: Ich hatte auch noch ASS. Plötzlich passte vieles zusammen.

Endlich wissen wieso ich so bin

Das Autismus-Spektrum war bei mir einer der Gründe, weshalb ich so lange einfach nur funktionierte. Ich versteckte, maskierte und verdrängte vieles. Endlich konnte ich es greifen. Ich hatte einen Namen für mein Anderssein. Wobei auch das nicht ganz stimmt. „Anderssein“ klingt, als wäre etwas falsch oder schief. Es ist eher eine andere Wahrnehmung, eine andere Verarbeitung der Welt. Tiefer, analytischer, schneller, komplexer und irgendwie, ja, auch spannender.

Hier kommt nun wieder mein Jahr bei Up with People zurück. Ich konnte einordnen, weshalb dieses Jahr für mich so wichtig war. Nicht nur wegen des Reisens oder des Zusammenseins mit all den anderen jungen Menschen. Sondern auch, weil dort meine soziale Seite gestärkt, geschult und vertieft wurde.

Ich konnte benennen, was auf dieser Welt schiefläuft. Nicht, um als Moralapostel aufzutreten. Sondern als jemand, der Zusammenhänge oft früher sieht als andere. Der Verknüpfungen erkennt, bevor sie ausgesprochen werden. Der ein feines Gespür dafür hat, was in den Aussagen von Politikern fehlt, wo zugespitzt oder wo vereinfacht wird.

Ich war nicht mehr der, der Ordnung wollte.
Sondern der, der im Chaos Zusammenhänge sucht.

Der herleitet, verknüpft, analysiert und hart an die Grenze des Verstehens geht. Was mich stört, spreche ich heute an. Manchmal, wie hier, unbequem offen. Manchmal direkt, hart, ja, fast etwas verletzlich. Genau das ist Berger. Nur sieht er es selbst nicht. Ist es Zufall, dass ich auch Berger heisse?

Am Ende von Hair steht noch einmal genau das Bild, das für mich alles zusammenzieht: das Weisse Haus im Bild, die Kamera schwenkt weg vom Sitz des Präsidenten hin zur Menge. Diese Menge spürt die Ungerechtigkeit. Genau dies spüre ich heute. Nicht nur in der Politik, im Eishockey oder in der Spiritualität. Sondern im grossen Chaos der Menge. Laut, überfordert, jeder weiss angeblich alles besser. Keiner sortiert mehr. Und doch bin ich heute Teil dieser Menge.

Berger aus Hair hat mir die Augen geöffnet. Spät. Vielleicht zu spät.
Aber besser spät als nie.
Dieser Chaot, diese Freiheit, diese Lebensfreude – sie waren die ganze Zeit da.
Ich habe sie nur nicht gelebt.
Heute tue ich es. Endlich.