Kostenfaktor, Statistik oder doch Würde?

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Kostenfaktor, Statistik oder doch Würde?

Wenn Menschen mit Einschränkungen nur noch als Kostenfaktor, Verwaltungsfall oder Problem betrachtet werden, dann ist das keine Inklusion. Dann ist dies soziale Kälte mit freundlicher Amtssprache. Deswegen kandidiere ich für die Behindertensession 2026. Aber nicht nur deshalb. Lass mich kurz meinen Weg erklären, von wo ich komme, wohin ich gehen will und was dies mit Dir zu tun hat.

Dazu nehme ich Dich mit zurück in das Jahr 1992. Ach ja, denkst Du nun, der alte Mann wieder. Nur, was kann ich dafür, dass ich schon so alt bin. Upps, wieder vom Thema abgewichen. Ok, zurück zum Thema. Damals prägten mich zwei Ereignisse besonders.Das erste fand im Mai 1992 im US-Bundesstaat Georgia statt. Ich übernachtete auf einem Feuerwehrstützpunkt, der zugleich für Ambulanzen und die Feuerwehr zuständig war. Da ich bereits in der Armee als Sanitätssoldat und Fahrer gedient habe, war für mich der Ort logisch. So konnte ich erleben, wie ein Notfall wirklich abläuft.

Ein verletzter Mann — und ein System, das sortierte

In der Nacht traf ein Notfall ein. Wir fuhren in die Fabrik und fanden den verletzten Mitarbeiter zwischen zwei Zahnrädern eingeklemmt. Wir befreiten ihn daraus und fuhren ihn in das nahe liegende General Hospital. Mir wurde damals erklärt, dass er nur in dieses Spital gebracht werden könne. Für mich war unübersehbar: Hautfarbe, Klasse und Zugang zu Versorgung waren in diesem System nicht voneinander getrennt.

Das zweite Erlebnis war in Europa. Auch 1992. Wir fuhren von Madrid kommend nach Lissabon. Obwohl Portugal damals bereits Mitglied der Europäischen Gemeinschaft war, lag vieles noch im Argen. Über die Autobahn kommend sahen wir auf der linken Seite die Kulisse von Lissabon. Rechts aber waren die Slums dieser Stadt. Karton-, Metall- oder auch Holzhütten. Auf kleinstem Raum. Die Wäsche hing zwischen den Wegen, die Kinder spielten im Schlamm und die Erwachsenen mussten jene Arbeit annehmen, die für sie abfiel. Und die Bezahlung dieser war nicht gut.

Es waren nicht nur diese beiden Ereignisse, welche mich bis heute geprägt haben. Dennoch bleiben sie in mir stark verankert. Denn eine Gesellschaft erkennt man nicht daran, wie sie über Stärke spricht. Sondern daran, wie sie mit verletzlichen Menschen umgeht.

Wenn Gleichstellung zur Kostenfrage wird

Und heute? Heute ist es nicht viel besser. Nur subtiler. In Deutschland steht das Behindertengleichstellungsgesetz unter Druck. Wie der SWR berichtet, soll vieles nicht im neuen Gesetz verankert, sondern aufgeweicht werden (1). Sie planen wichtige Investitionen, Heimaufenthalte, Hilfsmittel, Unterstützungen und ähnliches zu streichen. Angeblich, weil dies zu viele Kosten verursache. Wirklich? Sind wir nur noch ein Kostenfaktor und nicht mehr Menschen?

Armut in der IV | Quelle: Armut in der IV

Nicht nur in Deutschland ist es so weit gekommen. Auch in der Schweiz. Erhielt ich früher noch CHF 510.— an Ergänzungsleistungen, wurde mir diese später auf CHF 503.— gekürzt. Der Grund dazu ist rein technisch. Die Rente wurde per 1. Januar 2025 erhöht, wie dies im üblichen Zweijahresrhythmus geschieht. Diese Erhöhung wurde danach mit der Ergänzungsleistung verrechnet. Auf der einen Seite erhielt ich also mehr, auf der anderen Seite wurde mir dieses Mehr wieder gekürzt. Ist dies nicht paradox? Die Teuerung und die Lebenshaltungskosten wurden damit nicht wirklich ausgeglichen. Aber ich will ja nicht klagen. Immerhin erhalte ich als Rentner etwas mehr Geld. Aber noch einmal: Ist dies wirklich lebenswert?

Ich will aber nicht pedantisch sein. Immerhin darf ich mir nun mit der IV-Rente gewisse Dinge leisten, die ich mir zuvor nicht leisten konnte. Wobei, stop. Auch das stimmt nicht.

Fahrkostenabrechnung - Gerne - Aber nur mit Formular

So musste ich mich neulich gegenüber der Abteilung Fahrkostenabrechnung des Kantons Aargau wehren. Der Fall liegt unterdessen beim Bundesgericht in Luzern. Da ich Neurodivergent bin, bat ich die Amtsstelle mir doch das Ausfüllen des Formulars für die Rückerstattung der Fahrkosten zu erlassen. Für mich ist es zu umständlich, zu schwer alles zusammenzustellen und sauber abzurechnen. Da ich für alle Besuche eine Bestätigung des Arztes, des Physiotherapeuten und anderen Mitwirkenden verlangen muss. Für mich ist dies eine Überforderung. Auch, weil ich der Ergänzungsleistung alle meine Abrechnungen der Krankenkosten zu sende. Sie kann daher überprüfen, ob ich den Termin wahrgenommen habe oder nicht. Ich würde mich denn auch mit einem geringeren Betrag zufriedengeben, da ich ein Generalabonnement für den öffentlichen Verkehr habe. Die Antwort der Amtsstelle? Nein, wir können darauf nicht eingehen. Dies ist nicht vorgesehen. Und dies trotz eines Behindertengesetzes, das genau dies fordert. Laut wiehert der Amtsschimmel dabei und freut sich.

Es gibt noch andere Anekdoten, die den Amtsschimmel fröhlich wiehern lässt. Dazu ist aber dieser Text nicht gedacht. Mit diesem Teil wollte ich nur aufzeigen, dass wir in der Schweiz noch weit weg sind von Inklusion von Menschen mit Einschränkungen. Inklusion endet nicht bei weissen Strichen am Bahnhof, freien Wegen für Rollstuhlfahrer oder Ampeln, die sehbehinderten Menschen Orientierung geben. Natürlich braucht es all das. Es ist wichtig. Aber Inklusion darf dort nicht aufhören.

Bei mir ist zum Beispiel nicht das Funktionieren das Problem. Sondern dass ich den Tag nicht nach meinem Tagesplan ausrichten könnte. Dass ich, um nur ein Beispiel zu nennen, nach dem Mittag meine zwei Stunden Ruhe habe, um meinen Körper aus der Reizüberflutung zu holen. Ihm einen Rückzugsort zu geben. Am Morgen bin ich physisch anwesend. Doch wirklich arbeiten kann ich noch nicht. Nicht, dass ich dies nicht möchte. Mein Motor sagt einfach etwas anderes. Dazu brauche ich auch am Nachmittag einige Pausen mehr, als dies andere Menschen brauchen. Am Abend, wenn die Büros geschlossen sind, ich meine Ruhe habe und ich meine Energie auf das Tun umlenken kann, dann bin ich sehr produktiv. Ich kann jeweils bis 22 Uhr am PC arbeiten. Dies ist doch auch eine Leistung. Nur wird dies nicht gesehen. Jeder oder jede muss genau von 9 Uhr bis 17 Uhr funktionieren und danach nach Hause gehen. So bin ich nun mal nicht.

Es geht nicht um Sonderbehandlung - es geht um Würde

Stopp kurz, ich will eine Sonderbehandlung? Mitnichten. Ich will auch kein Mitleid oder einfach nur «nett» behandelt werden von den Bürokollegen. Nicht im Sinne, “ach, ist das ein armer”. Das ist nicht Inklusion. Das ist Exklusion. Ich will so funktionieren, so arbeiten wie ich es für mich als gut und richtig empfinde. Ich will nicht beweisen müssen, dass ich menschlich genug bin um ernst genommen zu werden. Ich funktioniere nicht weniger. Ich funktioniere anders. Die Arbeitgeber sind hier gefordert für Menschen mit Einschränkungen nicht nur schöne Farbprospekte zu drucken. Sondern auch danach zu handeln.

Atlascompany Bundeshaus Bern | Quelle: Atlascompany Bundeshaus Bern

Für mich als neurodivergente Person ist es wichtig, dass wir endlich in der Politik sichtbar werden. Aus diesem Grund kandidiere ich für die kommende Behindertensession 2026 in Bern. Nicht, weil ich ein Symbol sein will. Ich akzeptiere nicht länger, dass über Menschen mit Einschränkungen gesprochen wird. Die Politik soll endlich erwachen. Sie soll mit uns reden. Deswegen habe ich auch die Beispiele in den Text eingebaut. Wir, die Menschen die mit Einschränkungen leben, sind nicht nur eine Statistik. Wir gehören in die Mitte der Gesellschaft. Ohne uns bricht die Kette des Zusammenhaltes schneller als der Politik lieb sein kann.

Inklusion beginnt nicht in einem schönen Firmenprospekt. Mit einem Behindertengesetz, welches von den Behörden nicht gelebt wird. Nicht umgesetzt wird. Nur als Papierklotz interpretiert wird. Wenn dies gelebt würde, müsste ich nicht mein Recht vor Bundesgericht einklagen. Inklusion beginnt nicht in leeren Worthülsen von linken wie rechten Politikern. Inklusion beginnt nicht mit einer viel zu tiefen Rente. Welche mehr oder weniger gerade zum Überleben reicht. Sie bedeutet, dass ein jeder Mensch genau gleich viel Wert ist. Denn es geht auch um das Selbstwertgefühl. Oder denken die (Bundes-)Politiker, die ÜBER uns reden, statt MIT uns, wirklich, dass CHF 12.— pro Woche bei einem 30%-Pensum eine würdige Entlöhnung sind? Ja, du hast richtig gelesen. Zwölf Franken pro Woche. Nicht pro Stunde. Pro Woche. Wie im Watson-Beitrag geschildert wird (2). Würdest Du dafür arbeiten gehen? Frage Dich ehrlich.

Nein, Inklusion ist kein Gefallen. Sie ist eine Verpflichtung. Eine ständige Aufgabe aller. Inklusion ist Demokratie. Eine Demokratie, die Menschen mit Einschränkungen an den Rand drängt, beschädigt nicht nur diese Menschen. Sie beschädigt sich selbst.

Inklusion beginnt nicht im Firmenprospekt. Und sie endet nicht bei einem Gesetz, das auf Papier gut klingt, aber im Alltag nicht gelebt wird. Sie muss gelebt werden. Jeden. Verdammten. Tag.

Dafür kämpfe ich. Dafür stehe ich. Dafür lohnt es sich, Wut zu spüren und die Würde zu behalten.

Wenn Inklusion mehr sein soll als ein schönes Wort, dann braucht es Stimmen, die nicht um Erlaubnis bitten. Dafür kandidiere ich.

  1. https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/stuttgart/behindertengleichstellungsgesetz-im-bundestag-stuttgarter-abgeordnete-uebt-kritik-100.html
  2. https://www.watson.ch/schweiz/jung-und-iv/492415761-mit-18-jahren-iv-rentnerin-schweizerin-erzaehlt